Brief

An Friedrich Heinrich Jacobi (1774)

Nach frugalem Abendbrodt, auf meinem Zimmer, schreib ich dir noch auf der Serviette, mein Schöppgen Wein vor mir. Nach einem dürren Nachmittag, dein Brief, und hundert Ideen in Cirkulation. Akademie ist Akademie, Bohlheim Berlin oder Paris, wo die satten Herren sitzen, die Zähne stochern und nicht begreifen warum kein Koch was bereiten kann das ihnen behage. Du bist grob mit ihnen umgangen, hat dirs doch wohl gethan, und ist eines braven Jungens; etwas wohl über die Schnur zu hauen zu Schirm des Mädgens, das ihm alles gab was es hatt, und dem rüstigen Knaben Freud genung, frisch iunges warmes Leben. Ich hab mich mit dem Mährgen die ganze Woch getragen als hätts mir geahndet, und ist schön dass es so eintraff. Wie ich so das hochadliche Urteil ablas, stellte ich an meiner Statt einen guten Kerl hin, der vors Publikum geschrieben hätte, elementarisch, pracktisch, prophetisch, zur Besserung herzens, Verstandes u Wizzes, hätte nun sich dahin gegeben mit Leibs und Geists krafft, u. die Herrn für allen Danck fändens unter der Erwartung, Erwartung dem Narren dem wie bekannt unser Herr Gott selbst nichts zu dancke machen kann. Sieh lieber, was doch alles schreibens anfang und Ende ist die Reproducktion der Welt um mich, durch die innre Welt die alles packt, verbindet, neuschafft, knetet und in eigner Form, Manier, wieder hinstellt, das bleibt ewig Geheimniss Gott sey danck, das ich auch nicht offenbaaren will den Gaffern u. Schwäzzern. Ich wollt ich könnt so gegen dir über sizzen und noch Einen dazu, ich hab so tausend Sachen auf dem Herzen. Indess ist das gestückte Geschreib auch was. Dass mich nun die Memoires des Beaumarchais de cet avanturier francois freuten, romantische Jugendkrafft in mir weckten, sich sein Charater seine Taht, mit Charackteren und Thaten in mir amalgamirten, und so mein Clavigo ward, das ist Glück, denn ich hab Freude gehabt drüber, und was mehr ist ich fordre das kritischte Messer auf die blos übersezten Stellen abzutrennen vom Ganzen, ohn es zu zerfleischen, ohne tödtliche Wunde |:nicht zu sagen der Historie:| sondern der Strucktur, Lebens organisation des Stucks zu versezzen! Also – Was red ich über meine Kinder, wenn sie leben; so werden sie fortkrabeln, unter diesem weiten Himmel. Aber wer auch fürs Publikum Kinder machte! damit er hörte que ce cul est tir en partie du Huron de Mr d. Voltaire. Aber ich bitte dich lass mir die Menschen. die sind vor mir gestempelt, und die wird Merkurius und Iris nicht wiedergebähren so wenig als der Bär auf den Schrifften Gottschedischen aevi. Offt wohn ich mit Jappachs Geist, und ich bitte dich dass du's verborgen haltest vor mir; wenn der gute Krah, wohlmeynend das heiligtuhm seines Gottes beraubt pour le mettre aux pieds de son Altesse. Werthes ist ein gar guter Junge, und die Art wie er sich in die Chinoises und Sofas schicken Thut, ist so menschlich. Ich wünschte Rost regalirte mich mit einem Mährgen dessen Stoff wäre wollüstig ohne geil zu seyn, dessen Ausdruck wäre, ohne Wielandische Mythologie i. e. ohne Hippiasse und Danaes. die ich sehr müd bin, und ohne Allusion auf alte Schrifftsteller. Thät das Rost mich wurd s sehr freuen, sag's ihm doch, dagegen soll er sich auch was in meiner dicht art u Krafft vorstellen das er gerne von mir sähe. Du kriegst bald kleine Sachen von mir wie ich sie finde, es liegt allerley hier und da. Jung ist nicht der erste der zweifelt ob das Stück von mir ist? Immer zu. Ich hoffe auf gute Tage wieder eins zu machen, und wieder so ohne Rucksicht, obs schaden möge meinem Rhum oder aufhelfen pp d 21 Aug. Den 28 ist mein Geburts tag, gönn ihm ein Andencken. Ich lese deine Epistel an die Akademisten noch einmal, entfalte mein Brieflein noch einmal dir zu sagen: dass zwar herrlich ist selbstständig Gefühl, dass aber antwortend Gefühl würckender macht ist ewig wahr, und so danck deim guten Geist und so wohl unsern Geistern dass sie sich gleichen. Gute Nacht. Schick mir doch Rosts Brief an Werthes, über Jappachs Garten.

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