Brief
An Carl Ludwig von Knebel (3. Januar 1807)
Dein Andenken zum neuen Jahr erscheint mir sehr freundlich, wozu die artigen Verse des Franzosen mir liebliche Beylage sind. Es giebt einem gar nicht Wunder, daß die Wei ber dieser Nation nicht feind seyn können, da sich das männliche Geschlecht kaum ihrer erwehren kann. Wenn man den Regierungsrath Müller erzählen hört, der von Berlin mit dem FriedensDocument gekommen ist; so begreift man recht gut, wie sie die Welt überwunden haben und über winden werden. Wenn man in der Welt etwas voraussähe, so hätte man voraussehen müssen, daß die höchste Erscheinung, die in der Geschichte möglich war, auf dem Gipfel dieser so hoch, ja übercultivirten Nation hervortre ten mußte. Man verläugnet sich das Ungeheure so lange man kann und verwehrt sich eine richtige Ein sicht des Einzelnen woraus es zusam mengesetzt ist. Wenn man aber die sen Kaiser und seine Umgebung mit Naivität beschreiben hört, so sieht man freylich, daß nichts derglei chen war und vielleicht auch nicht seyn wird. Ich hoffe dir bald da von zu erzählen.
Wenn das Schloß von Blessirten rein ist, wag’ ich wohl einmal einen Besuch bey Euch, denn ich möchte nicht eher hinüber kommen, bis ich Anstalt zur Reinigung und Wieder herstellung machen kann.
Der erste didactische Theil meines Farbewesens ist bald abgedruckt. Er wird etwa 21 Bogen machen. Der zweyte, polemische wird etwa mit 10 abgethan seyn. Dazu habe ich das Manuscript schon zur Hälfte, nur bedarf es freylich noch einer tüchti gen Revision. Hubers Leben und Briefe habe ich mit großem Antheil gelesen, und ich finde daß sich aus diesen Characteren, Verhält nissen und Begebenheiten ein sehr interessanter Roman schreiben ließe, weil man alsdann heraushe ben könnte, was hier vertuscht wer den mußte. Daß er mit mir weder als Schriftsteller noch als Mensch fertig werden kann, nehme ich ihm gar nicht übel. Er zeigt übrigens durchaus guten Willen gegen mein Wesen und tTreiben; und ist es doch immer die Individualität eines Jeden, die ihn hindert die Individualitäten der andern in ihrem ganzen Umfang gewahr zu werden.
Hierbey schicke ich eine Posse, die Du vielleicht noch nicht gesehen hast (Textverlust durch beschnittenen Rand) und die dir wohl einigen Spaß machen kann.
Für den Wein will ich Sorge tragen, daß er bald bey dir anlangt.
Daß der indische Quietismus mit dem gegenwärtigen nördlichen Treiben einen wunderlichen Contrast in der Betrachtung hervorbringt, ist keine Frage. Du thust aber sehr wohl in so eine ganz fremde Gegend wie ein Zugvogel hinüber zu eilen.
Grüße die Deinigen und den jungen Vogt von den Meinigen und Mir. Ich freue mich unserer nächsten Unterhaltung für die ich manches aufspare.
Weimar den 3 Januar 1807.
G.
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