Brief
Von Wilhelm von Humboldt (10.? April 1798)
Seine Arbeit an einem Buch ("Über Goethes Hermann und Dorothea", vgl. Ruppert 1937), für das H. bald G.s freundschaftlichen Antheil erbitten werde, sowie eine Unpäßlichkeit seien die Ursachen der verzögerten Antwort auf G.s Brief. - H. bedauert, G. in der Schweiz verfehlt zu haben. Über G.s "Amyntas", in dem die feinsten und schönsten Empfindungen, mit denen nur unsere Zeit vollkommen sympathisiren könne, vorzüglich in ein antikes Gewand gekleidet seien. In "Hermann und Dorothea" werde H. gemeinsam mit K. G. von Brinckmann, der für das Amt eines prosodischen Wächters wie geboren sei, eine Zusammenstellung aller prosodischen Kleinigkeiten erarbeiten. - H.s "Agamemnon"-Übersetzung sei leider kaum fortgeschritten. - Das Wichtigste an H.s Pariser Aufenthalt sei für ihn das Studium des französischen Nationalcharakters u. die Vergleichung mit dem Deutschen. Seit langem habe er zwei große Pläne: einer Schilderung unsres Jahrhunderts und die Gründung einer eigentlich neuen Wissenschaft: einer vergleichenden Anthropologie. Obwohl seine Reise nach Paris eine andere Veranlassung gehabt habe, sei H. bemüht, sie für diese Pläne so systematisch, als möglich, zu benutzen. - Über die Schwierigkeiten beim Studium des französischen Nationalcharakters. Fasse man ein einziges Object der Natur ins Auge, so fühlt man, wie alles mit allem zusammenhängt, wie in jedem Punkte die gesamte Natur ist. Wer muß davon mehr überzeugt seyn, als Sie. [...] Aber bei moralischen Gegenständen ist noch die große Schwierigkeit mehr, ihr eigentliches Wesen von ihrer zufälligen Beschaffenheit in der Zeit, ihre wirkliche Eigenthümlichkeit von ihren möglichen Fortschritten zu unterscheiden [...]. Ausführliche Darlegung der Merkmale, die H. für den französischen Nationalcharakter typisch zu sein scheinen: Insofern der französische ein wirklicher Temperamentscharakter sei, unterscheide er sich von dem Deutschen, da der Deutsche einen so allgemeinen, oder wenn Sie wollen, so keinen Charakter hat. - Da eben jetzt nichts Einzelnes Interessantes vorgefallen sei, falle es H. schwer, über Paris im Ganzen zu reden. Um das Politische kümmere sich H. nicht; vom Literarischen könne G. in Paris nur das Fach der Naturhistorie und Physik interessieren. Besonders reich seien die Sammlungen des Jardin des plantes. H. bzw. J. G. Fischer seien gern bereit, Notizen über einige seltne Skelette für G. anzufertigen. Über Cuvier und seine Arbeiten. - Die für G.s Interessengebiete wichtigsten weiteren Gelehrten seien Charles (Optik), Dolomieu (Mineralogie), Fourcroy, Berthollet und Vauquelin (Chemie). Kurze Charakteristik der Gelehrten. - Der schönen Literatur fehle in Paris die Flamme des Genies. Die meisten Productionen sind sehr matt [...]. G.s Werke glaube man zu kennen; M. J. de Chénier habe den "Werther" sogar in eine Tragödie verwandelt, aber man dürfe nur ein bischen zuhören, um zu finden, wie es mit dieser Kenntniß u. Liebe stehe. Hinweis auf J. G. Schweighäusers Anzeige von "Hermann und Dorothea" im "Magasin encyclopédique" (Ruppert 1951). - Über die von Napoleons Truppen entführten italienischen Kunstwerke könne H. nur wenig sagen. Über ihre Aufstellung und ihren Erhaltungszustand. Ein Überblick über den Gesamtbestand sei noch nicht zu gewinnen. H. übersende die beiden Kataloge der jetzt ausgestellten Zeichnungen u. Gemälde (Ruppert 2207, vgl. Ruppert 2205). - Von den jetzigen Künstlern habe H. noch nicht viel gesehen, selbst bei J. L. David sei er noch nicht gewesen. H.s Frau wolle gern Einzelheiten über Bilder, z. B. von Rubens oder Raffael, für G. notieren. H. könne nicht leugnen, daß die Aussicht auf eine so ungeheure Vereinigung so vieler Kunstsachen etwas Erhebendes sei und ihn einigermaaßen mit dem Verlust, den Italien leidet, versöhne. - Die furchtbaren Gespenster der Philosophie Fichtes seien in Frankreich ganz unbekannt. Dennoch komme H. Fichtes alter Thurm am Jenaischen Stadtgraben von Paris aus wie ein Feenschloß vor. - Die von G. erbetenen Bücher werde H. zu beschaffen suchen. - Diesen Brief, die Steine u. Catalogen gebe ich Vieweg aus Berlin [...] mit (vgl. RA 2, Nr. 1279).
Bezüge im Wissensnetz
Erwähnt (16)
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- Raffael
- David, Jacques Louis
- Vauquelin, Louis Nicolas
- Fichte, Johann Gottlieb
- Rubens, Peter Paul
- Fischer von Waldheim, Gotthelf
- Brinckmann, Karl Gustav von
- Schweighäuser, Johann Gottfried
- Vieweg, Friedrich
- Cuvier, Jean Léopold Nicolas Frédéric
- Humboldt, Karoline Friederike von
- Charles, Jacques Alexandre César
- Chénier, Marie Joseph Blaise de
- Dolomieu, Dieudonné Sylvain Guy Tancrède
- Berthollet, Claude Louis Comte
- Fourcroy, Antoine François
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