Brief
An Carl Ludwig von Knebel (27. Februar 1811)
Verzeihe, liebster Freund, wenn ich so lange in deiner Schuld geblieben. Ich bin in eine wunderliche Arbeit gerathen, u weil sie vom Fleck geht, so habe ich sie nicht unterbrechen wollen: denn meistens geräth so etwas ins Stocken u wird nicht so leicht wieder aufge nommen.
Zuvörderst also recht vielen Dank für dein liebes Frühlingsgedicht. Bald wirst du in deinem Garten benei denswerth seyn, u für deine Wintergeduld genugsam belohnt werden. Seit dem standhaften Prinzen pausirt unser Theater einigermaßen, wie es nach solchen Anstren gungen immer zu gehen pflegt. Die Rollen deines Sauls werden ausgeschrieben, u wegen des dritten Acts ist mit dem Capellmeister Abrede genommen. Er wird die lyrischen Stellen, indem sie Wolff recitirt, hinter der Culisse mit dem Pianoforte begleiten; dieß scheint uns in jedem Sinne das Beste.
Die Kaazischen Zeichnungen sollen diese Woche an unsere liebe Prinzeß abgehen. Du bist ja wohl so freundlich, sie anzumelden.
Die Musicalischen Unterhaltungen wachsen täglich bey uns. Auf dem Theater haben wir die vier Jahrszeiten von Haydn als Oratorium gehört. Es sind sehr schöne Details drin, wenn nur das Ganze des Textes nicht so unendlich absurd wäre. Ich schicke Dir diesen Gräuel, damit Du den Com ponisten bedauerst, der auf ein solches Segeltuch seine Stickerey hat anwenden müssen.
Eine sehr angenehme Erscheinung ist mir von Petersburg geworden. Ein junger Mann, Namens Ouvaroff, kaiserlicher Cammerjunker, u Schwiegersohn des Grafen Rasumowsky, des Ministers der Studien hat mir ein an seinen Schwiegervater dedicirtes Memoire übersendet, welches Vorschläge zu einer asiatischen Soci etät enthält, welche Sprachen u Literatur sämmtlicher alten u neuen orientalischen Völker zu unsrer Kenntniß fördern soll. Es ist mit sehr großer Sachkenntniß geschrieben u zeigt von schönen Ansichten u Einsichten. Unser kleiner Klaproth, dessen Du dich wohl noch erinnerst, kommt dabey wegen seiner chinesischen Kennt nisse zu Ehren. Der Verfasser ist erst 25 Jahr alt u scheint bey seinem lebhaften Streben u seinen gün stigen äußern Verhältnissen wohl erwarten zu können, daß man ihn an die Spitze einer solchen Anstalt setze; und da sich in Wien, ja überall in Deutschland eine gleiche Neigung regt, so kann uns auf diesem Wege wohl doppelt ersetzt werden, was wir von Sei ten der Engländer her entbehren müssen.
Daß die von Ihrer Maj. der Kaiserinn von Oestreich mir zugedachte Dose angekommen, darf ich nicht ver gessen dir zu melden. Sie ist so reich als hübsch u macht mir viel Vergnügen. Habe ich schon des Ver suchs über die Regierung der Ostgothen von Sartorius erwähnt? Er ist dir gewiß schon in die Hände gekom men u verdient gelesen u studirt zu werden. Die Ansichten sind groß u rein , so wie die Behandlung u der Styl musterhaft. Die Beweisstellen sind ans Ende des Buchs in Noten zusammengebracht, wodurch denn das Ganze so gründlich wird, als die Schrift selbst lesbar ist. Nun will ich aber schließen weil die Boten mich drängen, u in Hoffnung dich bald wieder zu sehen, das Beste wünschen.
Schreibe mir doch wie es deinem Knaben ergeht. Wegen dem Dictionnaire historique nächstens. G spätere Ergänzung
Weimar den 27 Februar 1811.
G
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