Brief
An Christian Gottlob Voigt (22. Juli 1809)
Einige frühere Aeußerungen Durchlaucht des Herzogs gegen Un terzeichneten, so wie eine neuere ge gen Hofrath Meyer, veranlasst mich an Ew Excellenz folgendes gelangen zu lassen.
Die Absicht Serenissimi ist nämlich: den übrigen an die Zeichen schule und das Hofrath-Meyersche Quartier stoßenden Theil des Für stenhauses, gleichfalls der Kunst, be sonders aber der Aufbewahrung von Kunstwerken zu widmen, sobald die gegenwärtigen Bewohner gedachte Räume werden verlassen haben, wel ches nächstens geschehen soll.
Es ist dieses um so wünschenswer ther, als manche Gemälde, Zeichnungen in Rahmen und große Cartons und andere dergleichen vorzügliche Kunst werke gegenwärtig hie und da zer streut und nicht zum Besten aufge hoben sind. Man könnte daher, sobald man in dem Besitz dieser Räume sich befände, auf eine schickliche und geschmackvolle Weise, eine Aufstel lung vornehmen, welche einheimischen und auswärtigen Kunstfreunden, so wie den Studirenden höchst angenehm und nützlich seyn müßte.
Nähme man an, daß in einer solchen Sammlung dasjenige aufgenommen würde, was der neuern Kunst angehört; so würden wir uns auch dadurch auf der Bibliothek Raum verschaffen, welcher dort sehr abzugehen anfängt. Was artistisch wäre, nähme man in die neue Anstalt; das Historisch-Antiquarische bliebe drüben, wobey man überhaupt keine strenge Gränzlinie zu ziehen brauchte. Bey der Einrichtung des neuen Museums, dessen künftiger Bestimmung und Benutzung, würde Hofrath Meyer gern beyräthig seyn, auch manches was sich gegenwär tig bey der Zeichenschule befindet, herü ber zu der größeren Masse geben: allein das Inventarium, Conserva tion und Custodie bliebe dem Bibli othekspersonal anheimgestellt, indem solches theils stark genug, theils ohnehin in Uebung und Gewohnheit ist Fremden etwas vorzuzeigen.
Da jedoch die Bibliothek mit der Zeichenschule hierdurch in nähere Verbin dung tritt, so erwähne ich eines Gedan kens, der mir schon öfters beygegangen. Es wäre nämlich zu wünschen, daß die sämmtlichen Anstalten, welche Serenissimus hier und in Jena, theils gegründet, theils begünstigt, völlig in Eins gefaßt, und das was bisher nach und nach gesche hen, consolidirt, und in einem Stiftungs briefe den Nachkommen überliefert und empfohlen würde.
Ich erbiete mich hierüber zu einem umständlichern Aufsatz, und wollte nur vorläufig bitten, daß Ew. Excellenz zu dem Uebrigen, welches wir schon ge meinschaftlich behandeln, auch an der Oberaufsicht der Zeichenschule Theil nehmen möchten; wodurch denn sogleich der Eingang gemacht wäre, daß alles sich auf einen Punct bequem versam meln ließe.
Wollten Ew. Excellenz mir hier über Ihre Gesinnungen gefällig eröffnen und Serenissimi Beystimmung zu der Sache gewinnen; so würde alles leicht vorzubereiten und in guten Stunden hoffentlicher Friedensruhe bequem auszuführen seyn, indem eigentlich keine Veränderung vorgeht, sondern nur die Fäden, die sich ohnehin bis her zusammenneigten, völlig in eins geknüpft werden.
Was die Zeichenschule betrifft, so hegt Hofrath Meyer mit mir den selben Wunsch, und wird sich bei Ue berreichung des gegenwärtigen noch besonders und umständlicher empfehlen.
Der ich in der Abreise begriffen meine besten Wünsche zurücklasse.
Weimar den 22 July 1809.
Goethe
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