Brief

Von Friedrich Schiller (5. Mai 1797)

Über die "Poetik" des Aristoteles: Richtig verstanden sei Aristoteles ein wahrer Höllenrichter für alle, die entweder an der äusern Form sklavisch hängen, oder die über alle Form sich hinweg setzen. Shakespeare würde weit beßer mit ihm ausgekommen seyn als die ganze französische Tragödie. Indessen sei S. froh, daß er die "Poetik" erst jetzt gelesen habe: Man muß über die Grundbegriffe schon recht klar seyn, wenn man ihn mit Nutzen lesen will. Überhaupt könne Aristoteles sicher niemals ganz verstanden werden, da seine ganze Ansicht des Trauerspiels auf empirischen Gründen beruhe, die die Gegenwart nicht mehr vor Augen habe, und wenn seine Urtheile, dem HauptWesen nach, ächte Kunstgesetze sind, so haben wir dieses dem glücklichen Zufall zu danken, daß es damals Kunstwerke gab, die durch das Factum eine Idee realisierten, oder ihre Gattung in einem individuellen Falle vorstellig machten. Erörterung verschiedener Probleme aus der "Poetik" (vgl. G. an Knebel, 1824 Dezember 24, WA IV 39, Nr. 47). - Anbei schicke S. einen Brief von J. H. Voß, der auch eine Übersetzung von Ovids "Phaeton" für die "Horen" gesandt habe. - Den Druck von G.s Charte zum Moses (vgl. "Israel in der Wüste", 1819) wolle S. mit dem Honorar finanzieren, das durch die Veröffentlichung von J. M. R. Lenz' "Waldbruder" in den "Horen" erzielt werde. Übersendung von Exemplaren des 3. Stückes der "Horen" und des Librettos zu "Don Giovanni" (von L. da Ponte).

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