Brief
Von Friedrich Schiller (26. Juli 1800)
S. habe es geahnt, daß G. Voltaires "Tancred" übersetze, was dem theatralischen Zwecke [...] gewiß sehr förderlich sei. Dennoch wünscht S. herzlich, daß der "Faust" ihn verdrängen möchte. - Bei dem Schema zur "Jungfrau von Orleans" habe S. noch große Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Besonders störe ihn, daß sich dieses Stück nicht in wenige große Massen ordnen lasse. Man muß, wie ich bei diesem Stück sehe, sich durch keinen allgemeinen Begriff feseln, sondern es wagen, bei einem neuen Stoff die Form neu zu erfinden, und sich den Gattungsbegriff immer beweglich erhalten. - Aus der beiliegenden (von E. A. F. Klingemann herausgegebenen) Zeitschrift "Memnon" könne G. den Einfluß Schlegelischer Ideen auf die neueste Kunsturtheile ersehen. Aber weder für die Hervorbringung selbst, noch für das Kunstgefühl kann dieses hohle leere Fratzenwesen ersprießlich ausfallen. Auch G. werde im "Memnon" zum großen Vorzug angerechnet, ganz ohne Bewußtseyn zu handeln. - Falls S. nicht nach Lauchstädt gehe, werde er sich zur Arbeit für einige Zeit nach Ettersburg zurückziehen.
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