Brief

An Johann Friedrich Cotta (14. Oktober 1811)

Ew Wohlgeb freundliches Schreiben wünschte am liebsten mündlich zu beantworten, weil dasjenige was mich beunruhigt alsdann wohl in kurzem abgethan seyn würde. Ich versuche jedoch meine Ansicht zu concentriren und empfehle sie einer günstigen Beherzigung. Als Ew Wohlgeb im Jahre 1805 Sich, ausser der Hauptausgabe, noch einen Abdruck in Taschenfor mat vorbehielten, trug ich um so weniger Bedencken einzuwilligen als ich mir denselben von jener verschieden dachte, wie ohngefähr der kleine Faust einen Maasstab zu geben schien, wobey ich voraussetzte daß beyde Abdrücke wo nicht gleich zeitig hervortreten, doch kurz auf einander folgen würden. Wenn sich nun die Sache verzögerte und vor andert halb Jahren eine Ankündigung des zweyten Abdrucks erschien; so glaubte ich um so weniger etwas dabey erinnern zu können, als noch genugsame Zeit vor handen und ich Ew Wohlgeb so manches schuldig geworden, was mich zu einer lebhaften Danckbarkeit aufrief. Sollte aber jetzt, kurz vor Ab lauf des contracktlichen Termins, eine neue, der ersten fast gleiche Auflage, für geringen Preis ins Publicum gespendet werden; so sehe ich eine vorbereitete, korreckte und vollständige Aus gabe meiner Wercke, welche doch auch noch erleben moöchte, ins Unbestimmte hinausgerückt, besonders wenn ich den vorhandenen Nachdruck und die Unbilden der Zeit bedencke. Diese meine Verlegenheit wird noch dadurch vermehrt, daß die Meinigen, denen ich in Betracht der Vergänglichkeit eines menschlichen Individuums, von meinen oeko nomischen Verhältnissen, Notiz zu geben gewohnt bin, dieses Ereigniß mit einer besondern Ombrage betrachten, welches zu mildern ich mich nicht im Stande sehe. Vielleicht entspringen diese Besorgnisse aus einer Unkenntniß des Handelsganges und würden bey mündlicher wechselseitiger Erklärung wohl gehoben werden können. Ich habe geglaubt unserm schönen vertraulichen Verhältnisse schuldig zu seyn Ew Wohlgeb diesen An stos zu eröffnen und ich will nicht läugnen daß ich jene vorgeschlag ne vorzurückende neue Aus gabe, als ein Ausgleichungs- Mittel dachte, wobey die Ihnen noch zustehenden zwey Jahre, auf irgend eine beliebige, billige Weise in Betracht kommen müßten. Uberzeugen Sich Ew Wohlgeb daß mir in diesem Augenblicke alles vor der Seele schwebt was ich Ihnen seit so viel Jahren angenehmes, gutes und vortheil haftes verdancke und eben des wegen mit unbegränztem Ver trauen die Zweifel eröffne die mich beunruhigen. Ich empfehle die Angelegenheit und mich Ihren freundschaftlichen Gesinnungen. W. d. 14 Octbr 1811. Goethe

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