Brief
An Adam Friedrich Oeser (14. Februar 1769)
Franckfurt, am
14. Febr. 1769.
Theuerster Herr Professor,
Endlich ein Brief! Er ist lang ausgeblieben, und hätte noch länger aussen bleiben müssen, um Ihnen die Nachricht einer völligen Wiederherstellung zu überbringen. Ich binn würcklich noch ein Gefangner der Kranckheit, obgleich mit der nächsten Hoffnung, bald erlöst zu seyn. Dieses neue Jahr hat mir, die erste Aussicht ins Leben, seit dem traurigen August, geöffnet, und es scheint, als wenn Der Winter meiner Natur, mit diesem Winter einerley Epoque haben sollte. Also soll ich gegen Ostern gesund seyn, und doch nicht zu Ihnen kommen? Ich komme nicht, H. Professor. Auf Ostern nicht, auf Michäel nicht, vielleicht in einem Jahr nicht, so lieb Sie mich auch haben. Sie wollten mich ietzt gleich haben, auf Ein Jahr, auf Zwey. Was wäre das, dass ich noch einmal, so Abschied nehmen müsste. Nein, wenn ich komme, will ich kommen bei Ihnen zu bleiben, eine hübsche Zeit, da das Ende mit dem Anfang nicht so nah verwandt ist, wie Zwey mit Eins. Und was könnte ich Ihnen auch jetzt nutzen? Verzeihen Sie mir die Eitelkeit, die Danckbaarkeit, |:wie Sie's nennen wollen:| dass Ihr Schuler, gerne was zu Ihrer Freude beytragen möchte. Franckreich und Spanien schicken Astromen nach Californien, den Spaziergang der Venus zu betrachten. Wenn Sie an mich dencken so dencken Sie, wie Franckreich an die Astronomen. Wenn Sie von mir reden, so reden Sie so von mir. Sie haben viele Schüler, die Sie nie wiedersehen, in die Welt gestreut, und Sich so viel Freunde gesät, Sie werden alle Frucht bringen. Erlauben Sie mir einen Vorzug vor vielen! Nennen Sie mich keinen weggegangnen; nennen Sie mich einen verschickten. Wenn Sie iemand fragt: Wie steht um ihn. So sagen Sie: Gut. Ich hab' ihn mit allem versehn was er braucht, an Kenntnissen und Instrumenten, um die Welt zu nutzen, und hab'en auf Reisen geschickt, dass er allerley Erfahrungen macht, allerley Seltenheiten auftreibt, und sie endlich, mit der Zeit in mein Cabinet bringt. „Wo ist er denn jetzt?“ Seit dem August in seiner Stube, bey welcher Gelegenheit, er biss an die grosse Meerenge, wo alles durch muss, eine schöne Reise gethan hat. Er wird uns Wunderdinge davon erzählen können.
Ja Herr Professor, wenn's nach meinem Herzen gehn will, was in der Welt geschehn soll mit uns, so komm ich wieder. Nur werden Sie nicht ungedultig wenn ich lang ausbleibe, und bleiben Sie immer hübsch auf Ihrem Schlosse. Und wenn Sie an einem hübschen Sommerabend am Fenster stehn, und ein Mensch in seltsamem Aufzug über die Brücke getrabt kömmt; da binn ichs, der irrende Ritter, der von den Abentheuern, Rechnung zu geben kömmt, die er bestanden hat.
Ich scherze und allegorisire, und habe schon meine Freude daran. Was wird's erst werden wenn wir wieder in Leipzig um's Tohr gehn! Vor der Hand, hat mir's nun freilich mein Medikus, als etwas wodurch ich in ein Rezitiv fallen könnte, verboten. Nächstens, vielleicht etwas deutlicher, von diesen Dingen.
Ich dancke ergebenst für die Nachricht vom Steinschneiden, sie hat mir die ganze Sache klaar gemacht. Lessing! Lessing! wenn er nicht Lessing wäre, ich möchte was sagen. Schreiben mag ich nicht wider ihn. Er ist ein Eroberer, und wird in Herrn Herders Wäldgen garstig Holz machen, wenn er drüber kömmt. Er ist ein Phänomen von Geist, und im Grunde sind diese Erscheinungen in Teutschland selten. Wer ihm nicht alles glauben will, der ist nicht gezwungen, nur widerlegt ihn nicht. Voltaire hat dem Schäkespeare keinen Tort thun können, kein kleinerer Geist wird einen grössern überwinden. Emile bleibt Emil und wenn der Pastor zu Berlin närrisch würde, und kein Abbé wird den Origenes verkleinern. Ende. Jetzt oder ich fange noch ein Blat an und es ist spät. Empfelen Sie mich denen Herren Creuchauf, Weisse, Clodius, Huber, Hardenberg, Gravinus, besonders Ihrer Frau Gemahlinn. Meine Eltern sind ganz Ihre Freunde. Bei H. Weissen entschuldigt mich meine Kranckheit. Das verlangte wird erscheinen. Ich binn mit der unerschöpflichsten Schwazhafftigkeit, dennoch Ihr treuster und
ergebenster Schüler,
Goethe
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