Brief

An Johann Friedrich Rochlitz (21. September 1807)

So ist denn unser theatralisches Unternehmen in Leip zig glücklich vollendet, mit Ehre und Vortheil belohnt und was mir gleich lieb ist, ich sehe unsre Schauspieler nach dieser Epoche froher williger thätiger, und hoffe sowohl für uns einen unterhaltenden Winter als auch künftig für Leipzig eine neubelebte Sommerunterhaltung. Denn wir haben mancherley artige und mit unter seltsame Dinge vor uns, an denen wir uns zu üben gedenken. Haben Sie, mein werthester Herr Rath, den besten Dank für Ihren freundlichen Antheil. Ich weiß die stille geräuschlose Behandlungsart recht gut zu schätzen, mit der Sie den unsri gen nachzuhelfen wußten. Wenn es mit dem Epilog eine Irrung gab, so bin ich vielleicht selbst daran Schuld, weil ich mich nicht deutlich erinnere, ob ich unserer Regie deshalb geschrieben habe, mich auf einen natürlichen Gang der Sache und auf Ihr Einwirken, wie bey dem ersten Abschied, ver lassen habe. Auch dafür nehmen Sie Dank, was Sie gewollt gethan und verschwiegen. Ihre Briefe nehme ich manchmal wieder vor mich und habe sie schon öfter gelesen. Sie dienen mir zum Leitfaden in dem täglichen Theaterlabyrinth, das einer der wunderlichsten Irrgärten ist, die ein Zauberer nur erfinden konnte. Denn nicht genug, daß er schon sehr wunderlich bepflanzt ist, so wechseln auch noch Bäume und Stauden von Zeit zu Zeit ihre Plätze, so daß man sich niemals ein Merkzeichen machen kann, wie man zu gehen hat. Leider ist hier in Weimar die sondernde Critik nicht sehr zu Hause. Man nimmt alles zu sehr im Ganzen. Stücke, Schauspieler, Aufführung, alles wird entweder nur gebilligt oder gemißbilligt, wobey denn Vorurtheil und Laune herrschend werden, und man sich weder des Lobes recht erfreuen, noch den Tadel sehr zu Herzen nehmen kann. Daher ist es mir unendlich viel werth, daß unsere Schauspieler wenigstens gewahr geworden, daß eine solche Critik existirt, welche die Mängel begünstigter und die Tugenden gleichgültiger, ja unbegünstigter Personen zu wür digen weiß. Ich selbst werde diesen Winter das Schauspiel öfter besuchen, und meine innern und äußern Sinne zu ge nauerer Prüfung schärfen. Denn ich gestehe gern, das hiesi ge Publicum machte mir durch willkührliche Zuneigung und Abneigung oft so böse Laune, daß ich, jemehr ich mir in den Proben Mühe gegeben hatte, desto weniger Lust fühlte, der Aufführung selbst beyzuwohnen. Nun aber, da mich eine Stimme von außen her aufregt und bestätigt, so werde ich wieder eine Weile auf meinem Wege strecklings fortgehen und mich der Resultate vielleicht selbst erfreuen. Die gute Aufnahme meiner Stücke hat mir eine be sonders angenehme Empfindung gemacht. Ich dachte wohl, daß sie auch einmal Epoche haben könnten, aber nach der Lage des deutschen Theaters glaubte ich’s nicht zu er leben. Artig ist es, daß sogar das kleine Schäferspiel, das ich 1768 in Leipzig schrieb, auch noch auftauchen mußte und gut empfangen ward. Nochmals vielen Dank, den ich gerne mündlich ab gestattet hätte, wenn ich nicht, da mir die Brunnenkur ganz wohl bekommen ist, mich vor einer allzuraschen Ge selligkeit gefürchtet hätte. Jetzt will ich sehen, ob ich meine stille Nachkur auch zu Ihrem und Ihrer Mitbürger künfti gen Vergnügen benutzen kann. Leben Sie recht wohl, und wenn es möglich ist, so besuchen Sie uns diesen Winter. Weimar d. 21. Sept 1807 Goethe So ist denn unser theatralisches Unternehmen in Leipzig glücklich vollendet, mit Ehre und Vortheil belohnt und was mir gleich lieb ist, ich sehe unsere Schauspieler nach die ser Epoche, froher, williger, thätiger und hoffe sowohl für uns einen un terhaltenden Winter, als auch künf tig für Leipzig eine neu belebte Sommerunterhaltung: Denn wir haben mancherley artige und mit unter seltsame Dinge vor uns, an denen wir uns zu üben gedenken. Haben Sie mein werthester Herr Rath den besten Dank für Ihren freundlichen Antheil. Ich weiß die stille geräuschlose Behandlungsart recht gut zu schätzen, zu mit der Sie den unsrigen nachzuhelfen wußten; . (Semikolon zu Punkt korr.) wWenn es mit dem Epilog eine Irrung gab, so bin ich vielleicht selbst daran Schuld, weil ich mich nicht deutlich erinnere, ob ich unserer Regie deshalb geschrieben habe, Mich auf einen natürlichen Gang der Sache und auf Ihr Einwirken wie bey dem ersten Abschied ver lassend. Auch dafür nehmen Sie Dank was Sie gewollt, gethan und verschwiegen. Ihre Briefe nehme ich manchmal wieder vor mich und habe sie schon öfter gelesen. Sie dienen mir zum Leitfaden, in dem täglichen Theaterlabyrinth, das einer der wunderlichsten Irrgärten ist, die ein Zauberer nur erfinden konnte: Denn nicht genug, daß er schon sehr wunderlich genug bgepflanzt (G) ist, (G?) so wechseln auch noch Bäume und Stauden von Zeit zu Zeit ihre Plätze, so daß man sich niemals ein Merkzeichen machen kann, wie man zu gehen hat. Leider ist hier in Weimar die sondernde Critik nicht sehr zu Hause. Man nimmt alles zu sehr im Ganzen. Stücke, Schauspieler, Aufführung, alles wird entweder nur gebilligt oder gemißbilligt, wobey denn Vor urtheil und Laune herrschend wer den und man sich weder des Lobes recht erfreuen, noch den Tadel sehr zu Herzen nehmen kann. Daher ist es mir unendlich viel werth, daß unsere Schauspieler we nigstens gewahr geworden, daß eine solche Critik existirt, welche die Mängel begünstigter und die Tugen den gleichgültiger, ja unbegünstigter Personen zu würdigen weiß. Ich selbst werde diesen VWinter (G?) das Schauspiel öfter besuchen, und meine innern und äußern Sinne zu ge nauerer Prüfung schärfen. Denn ich gestehe gern, das hiesige Publicum machte michr (G?) durch willkührliche Zunei gung und Abneigung oft so böse Laune, daß ich, je mehr ich mir in den Proben Mühe gegeben hatte, desto weniger Lust fühlte, der Aufführung selbst bey zuwohnen. Nun aber, da mich eine Stimme von außen her auf regt und bestätigt; so werde ich wieder eine Weile auf meinem Wege strecklings fortgehen und mich der Resultate vielleicht selbst erfreuen. Die gute Aufnahme meiner Stücke hat mir eine besonders ange nehme Empfindung gemacht. Ich dachte wohl, daß sie auch einmal Epoche haben könnten, aber nach der Lage des deutschen Theaters glaubte ich’s nicht zu erleben. Artig ist es, daß sogar das kleine Schäferspiel, das ich 1768 in Leipzig schrieb auch noch auf tauchen mußte und gut empfan gen ward. Nochmals vielen Dank, den ich gerne mündlich abgestattet hätte, wenn ich nicht, da mir die Brunnen cur ganz wohl bekommen ist, mich vor einer allzuraschen Ge selligkeit gefürchtet hätte. Jetzt will ich sehen, ob ich meine stille Nachkur auch zu Ihrem und Ihrer Mitbürger künftigem Vergnügen benutzen kann. Leben Sie recht wohl und wenn es möglich ist, so besuchen Sie uns diesen Winter. abgeschickt den 21 September 1807. (Rie nachträglich erg.)

Bezüge im Wissensnetz

Hat Sprache (1)

GZP-Knowledge-Graph
  • Deutsch

Wurde abgesendet von (1)

GZP-Knowledge-Graph

Wurde gesendet an (1)

GZP-Knowledge-Graph

Ist Antwort auf (1)

GZP-Knowledge-Graph

Wurde abgesendet aus (1)

GZP-Knowledge-Graph

Hat Zeitspanne (1)

GZP-Knowledge-Graph

Kategorie (1)

GZP-Knowledge-Graph
  • Brief und Korrespondenz

Teil von (1)

GZP-Knowledge-Graph
Cookie-Einstellungen