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Graphitstiftzeichnung

Dampfende Täler bei Ilmenau

1776

Inventarnummer
GGz/0115
Inventarnummer
GGz/0115
PID
pid.klassik-stiftung.de/pid/300:209697

Blaues Papier; Bleistift, Pinsel in Grau (teilweise laviert)

Die Landschaft zeigt einen Ausblick von der Südseite des Hermannsteins am Hang des Kickelhahns nach Südwesten, in Richtung des Finsterberges und der Höhen um das Taubachtal. Der hohe Standpunkt erlaubt einen weiten Blick über die bewaldeten Hänge und Kuppen der umliegenden Berge. Im Vordergrund sind die Wipfel einiger Tannen zu sehen. Zwischen den Hängen steigt Dampf auf.

Die hellen Partien des Dampfes und der vordergründigen Tannen sind nicht durch Weißhöhungen auf dem blauen Papier erzeugt, sondern durch bloßes Auslassen der Tusche. Das Blatt ist oben, links und rechts zugeschnitten, mit einer Fehlstelle unten links. Einstichlöcher sind an allen Seiten mittig zu erkennen. Am linken Rand befindet sich eine vertikale Knickfalte, die als Begrenzung des Motivs dient. Auf gefalteten Rand sind vorder- und rückseitig eigenhändige Verse notiert, die an Charlotte von Stein gerichtet sind.

Die Zeichnung gehört zu den am meisten besprochenen und ausgestellten Werken Goethes. (vgl. Corpus I, S. 60-61). Vom 18. Juli bis zum 14. August 1776 unternahm Goethe eine Reise nach Ilmenau mit Herzog Carl August, um die Wiederbelebung des Bergbaus voranzutreiben. Neben einer von praktischen Fragen geleiteten Anschauung der Natur, kommt auch Goethes Begeisterung für die Ilmenauer Landschaft in einem Brief an Johann Heinrich Merck vom 24. Juli 1776 zum Ausdruck: „Wir sind hier und wollen sehn, ob wir das alte Bergwerk wieder in Bewegung setzen. Du kannst denken, wie ich mich auf dem Thüringer Wald herumzeichne; der Herzog geht auf Hirsche, ich auf Landschaften aus und selbst zur Jagd führ ich mein Portefeuille mit.“ (WA IV 3, S. 90-91 / Online-Edition: GB 3, Nr. 146, in: http://goethe-biographica.de/id/GB03_BR146_0 (Version vom 02.09.2024)). Neben der vorliegenden Zeichnung greift Goethe das Motiv des Gipfelblicks über Berge und Täler auch in anderen Zeichnungen auf (GGz/0113, GGz/0114 und GGz/1930). Die atmosphärische Wirkung der zwischen den Hängen aufsteigenden Nebelschwaden zeichnet das Blatt dabei aus und bewirkt laut Maisak eine Vereinheitlichung der Raumschichten. Der entstehende Eindruck von unbestimmter Weite und Erhabenheit sei dem Werk Caspar David Friedrichs vergleichbar (vgl. Maisak 1996, S. 68).
Bohnenkamp setzt die Zeichnung in Verbindung mit Goethes zahlreichen Wald-Dichtungen, in denen mitunter auch die Betrachtung des Waldes von oben herab zum Ausdruck kommt, insbesondere bei ‚Wandrers Nachtlied‘ (vgl. Bohnenkamp, in: Ausst.-Kat. Frankfurt (Main)/Bad Homburg 2024, S. 67), das Goethe 1780 an die Bretterwand einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn schrieb (WA I 1, S. 98).

Im Tagebuch notiert Goethe am 22. Juli 1776: „Früh nach Cammerberg gezeichnet [GGz/0110] mit und Ohne Liebe. Betrachtungen drüber, gegen Mittag auf den Herrmannstein. Der [Charlotte von Stein] in der Höhle geschrieben. auf den Gickelhahn. gezeichnet zurück.“ (WA III 1, S. 16-17 / Online-Edition: GT I, 22.7.1776 (Wolfgang Albrecht/Andreas Döhler), in: http://goethe-biographica.de/id/GT01_0097 (Version vom 02.09.2024)). Die Höhle am Hermannstein wurde von Goethe mehrfach aufgesucht, am 6. August auch in Begleitung von Charlotte von Stein (WA III 1, S. 18), und am 8. August gezeichnet (GGz/0947; WA III 1, S. 19). In einem an Charlotte von Stein gerichteten Brief vom 22. und 24. Juli, dem er die Zeichnung beilegte, beschreibt er bereits die sich ihm bietende Aussicht aus der Höhle am Hermannstein: „Die Thäler dampfen alle an den Fichtenwänden herauf. (NB. das hab ich dir gezeichnet).“ (WA IV 3, S. 89-90 / Online-Edition: GB 3, Nr. 145, in: http://goethe-biographica.de/id/GB03_BR145_0 (Version vom 02.09.2024)). Die Ansicht hielt er dabei zunächst in einer Vorzeichnung mit Bleistift fest und arbeitete sie, dem Tagebuch zufolge, am Folgetag aus: „Den Morgen das Gebürg Stück ausgezeichnet, Abends nach dem Gabelbach mich verirrt.“ (WA III 1, S. 17 / Online-Edition: GT I, 23.7.1776 (Wolfgang Albrecht/Andreas Döhler), in: http://goethe-biographica.de/id/GT01_0098 (Version vom 02.09.2024)).

Laura Lisa Beier, 2025-06-24
Beschriftung

Auf dem umgebrochenen Rande links eigenhändige Bleistiftbeischrift "Ewiges Denkmal. An jedem Gegenstand suche erst die Art ihn auszudrücken. Keine allgemeine Art gilt." Ferner auf der Rückseite des Randes die Verse: "Ach so drückt mein Schicksaal mich,/ Daß ich nach dem unmöglichen strebe./ Lieber Engel, für den ich nicht lebe,/ zwischen den Gebürgen leb ich für dich."

Auf dem umgebrochenen Rande links eigenhändige Bleistiftbeischrift "Ewiges Denkmal. An jedem Gegenstand suche erst die Art ihn auszudrücken. Keine allgemeine Art gilt." Ferner auf der Rückseite des Randes die Verse: "Ach so drückt mein Schicksaal mich,/ Daß ich nach dem unmöglichen strebe./ Lieber Engel, für den ich nicht lebe,/ zwischen den Gebürgen leb ich für dich."

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