Normalzeugnis Zeugnis
Bertuch an G. Hufeland 12. 4. 1789 (FDH)
Ich danke herzlich für Ihren gestrigen Brief ... Da er durchaus ostensibel ist, so werde ich ihn, um Sie dem Herzoge bey der Sache in keinem falschen Lichte erscheinen zu laßen, und ihn überhaupt über das was wir thun, und auf diesem Wege thun wollten, mehr zu berichtigen, auf den Dienstag Seren. mitschicken. Alles was Sie darinn sagen ist wahr, zweckmäßig und trefflich durchdacht. Dagegen theile ich Ihnen hierbey ein Billet, das ich gestern früh vom Herzog empfieng, und mir unendlich viel Freude gemacht hat, im engsten Vertrauen, mit. Sie sehen aus dem Schluße deßelben, daß ich ihn richtig interpretirte; so wie aus dem Vorangehenden, wie sehr es ihm am Herzen liegt Rechtschaffenheit und Publizität in Schutz zu nehmen, und allem im Finstern schleichenden Betruge offne Fehde zu biethen. Ich habe Göthe gestern lange über diese Sache wieder gesprochen, und ihn sowohl des Herzogs als Ihren Brief lesen laßen. Er ist so warm für unsern zu beginnenden Feldzug als der Herzog; und behauptet wir müßten durch die A. L. Z. nun gegen alle solche Mysteres d’Iniquité eben so entschloßen, tapfer und rastlos immerwährenden Krieg fortführen, als die Maltheser gegen die Ungläubigen. Er findet zwar so wie ich, Ihre Bedencklichkeiten für den Lehrer bey einem Collegio über die Geschichte der alten und neuen Mysterien und Geheimen Gesellschafften, zumal als Profeßor, der sich nicht den Weg zu weiteren Rufen muthwillig selbst verbauen muß, allerdings gegründet, traut Ihnen aber, wie billig, Klugheit, feinen Tact, und Steuermannskunst gnug zu, um durch die neueren Klippen und Untiefen der Personalitäten der lebenden Fürsten und Prinzen Ihr Schiflein glücklich durchzulootsen. Er meint also man müße
1.) jetzt durchaus nicht diese vortrefliche Gelegenheit versäumen den Herzog für die gute Sache zu vinculiren, und ihn durch diesen autorisirten Schritt gleichsam zum Heerführer der Publizität öffentlich darzustellen; so daß er, ohne sich ein dementi zu geben, diese Parthie nie wieder verlaßen könne.
2.) alles komme jezt drauf an daß Sie oder Reinhold sich nur dieses Collegiums bemächtigen, damit es nicht in falsche oder ungeschickte Hände gerathe, wo es entweder gar nicht die beabsichtigte oder vielleicht eine ganz widrige Wirckung thue, den Herzog vielleicht auf eine fatale Art compromittire, und am Ende wieder unterdrückt werden müße. Dencken Sie sich z. E. wenn Fabri es lesen sollte!!! Er schlägt daher
3.) vor, ein Publicum von etlichen halben Jahren daraus zu machen, das Ganze durchaus wißenschaftlich zu behandeln; mit der Geschichte der ältesten Mysterien anzufangen, dann auf die des mittleren Zeit Alters fortzugehen, und dann auf die der neuesten Zeiten und unsere Epoche zu kommen. Von diesen meint er könnte der Lehrer sicher immer so viel sagen als schon davon gedruckt wäre, wie weit er aber über diese SicherheitsLinie noch hinausgehen und den Schleyer aufheben dürfe, müßten sodann Lage und Beschaffenheit der Zeit und Umstände bey jedem individuellen Facto bestimmen. So wenn z. E. der Herzog Ferd. erst todt sey, könne man gewiß über eine Menge facta freymüthiger sprechen, als es jezt Klugheit und Delikateße erlaubten. Wenn nun
4.) durch unsere öffentliche Erklärung in der A. L. Z. zugleich das Hencker Schwerd über alle Geheimniß Krämer öffentlich aufgehängt werde, so sähe alle Welt daß dieß ein autorisirter Phalanx sey, der gegen alle diese Teufeleyen anrücke, und nach Plan und Ordnung manoeuvrire; da hingegen die Berliner nur auf bloßen Privat Streifereyen bisher geplenckert, ohne Autorität und sichern Rückenhalt bisher oft zur Unzeit scharmuzirt, und zuviel unsicheres Geträtsch und Tracasserie mit hineingemischt, und sich eben dadurch eine Menge unangenehme Händel zugezogen hätten, die wir durch reife, sichere und entscheidende Schritte alle vermeiden würden; zumal da die A. L. Z. nicht das Werck Eines Mannes, sondern durch die Theilnahme so vieler Gelehrten, so zu sagen die Stimme und der Areopagus des Publici sey, und einen unsäglich größeren Wirckungskreis und Autorität als die Berl. Monats Schrift habe ...
N. S. Im März der Berl. Mon. Schrift, steht eine schändliche Stelle / im Artickel über Geheime Gesellschaften / von unserm Herzoge, wo Prof. Böckmann in Carlsruhe ihn in einem Briefe an den Schwed. Kammerhrn v. Silfwershielm, als Protecteur des Magnetismus aufstellt, der in Carlsruhe nicht allein bey magnetistischen Operationen als Zeuge zugegen gewesen, sondern auch selbst konsultirt worden sey. Die Berliner haben dieser impertinenten Behauptung zwar gleich auf die feinste Art wiedersprochen; Göthe meinte aber daß wir doch auch dagegen was sagen sollten. Ich muß mich aber erst vom Herzog selbst über das Factum informiren, wenn er nächster Tagen hieher kommt.
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