Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 17. Oktober 1786
Cento d 17. Abends 6.
hierzu Lande Nacht .
In einer bessern Stimmung als gestern Abend schreib ich dirheute aus Guercins Vaterstadt. Vor allen Dingen
Siehe Volkm. p.
Ein freundliches wohlgebautes Städtgen ohngefähr 5000 Einwohner, nahrhaft, lebendig reinlich in einer unübersehlichen Plaine liegend. Ich war nach meiner Gewohnheit auf dem Thurm. Ein Meer von Pappelspitzen, zwischen denen man inder Nähe die kleinen Bauerhöfgen erblickt, jeden mit seinemFeld umgeben. Köstlicher Boden und ein mildes Clima. Es warein Abend, wie wir dem Himmel dancken Sommer abende zu haben.
Der Himmel, der den ganzen Tag bedeckt war, hat sich aufgeheitertdie Wolcken haben sich nord und südwärts ans Gebirg geworfen und ich hoffe einen schönen morgenden Tag.
Sie haben hier zwey Monate eigentlich Winter, Dez. und Jan. und einen regnichen April. übrigens nach Beschaffenheit derJahrszeit gut Wetter. Nie anhaltenden Regen. Doch war dieserSept. auch beßer und Wärmer als ihr August.
Wie freut’ ich mich heute die Apenninen zu sehn. Denn ich binder Plainen nun herzlich satt. Morgen schreib ich dir an ihrem Fuße.
Hier sind einige Bilder von Guerch. die man Jahre lang ansehnkönnte.
Die liebsten sind mir:
Der Auferstandne Christus, der seiner Mutter erscheint. Sie kniet vor ihm und sieht ihn mit unbeschreiblicher Innigkeit an,mit der lincken fühlt sie an seinen Leib, gleich unter der unglückselichenWunde, die das ganze Bild verdirbt. Er hat seineLincke Hand um ihren Hals gelegt und biegt sich um sie in derNähe anzusehn ein wenig mit dem Körper zurück. Das giebt der Figur ein klein wenig etwas, ich will nicht sagen gezwungnesaber doch fremdes. Demohngeachtet bleibt sie unendlich angenehm.Und der still traurige Blick mit dem er sie ansieht, alswenn ihm eine Erinnerung seiner und ihrer Leiden, die durcheine Auferstehung nicht gleich geheilt werden, vor der edlen Seele schwebte.
Strange hat das Bild gestochen, es ist also Hoffnung daß du es inder Copie siehst.
Dann folgt. Eine Madonna. Das Kind verlangt nach der Brustund sie zaudert schamhaft die Busen zu entblösen und sie ihm zu reichen. köstlich schön.
Dann Maria die dem vor ihr stehenden und nach dem Zuschauergerichteten Kinde, den Arm führt daß es mit aufgehobnenFingern den Segen austheile. Im Sinn der katholischen Mythologieein glücklicher Gedancke.
Guerchin ist ein innerlich braver männlich gesunder Mahler ohne Roheit, vielmehr haben seine Sachen eine innerliche MoralischeGrazie, eine schöne Freyheit und Grosheit. Dabey eineEichenheit daß man seine Werke wenn man einmal das Augedrauf gebildet hat nicht verkennen wird.
So rück ich nach und nach. Die Venetianische Schule hab ich wohl gesehn morgen komm ich nach Bologna, wo denn auchmeine Augen die Cezilia von Raphael erblicken werden. Wasaber die Nähe von Rom mich zieht drück ich nicht aus. Wennich meiner Ungedult folgte, ich sähe nichts auf dem Wege undeilte nun grad aus. Noch vierzehn Tage und eine Sehnsucht von 30 Jahren ist gestillt! Und es ist mir immer noch als wenns nichtmöglich wäre.
Von G. Pinsel sag ich nichts das ist eine Leichtigkeit und Reinigkeitund Vollendung die unglaublich ist. Besonders schöne in’sBraune gebrochne Farben hat er zu den Gewändern gewählt.
Die Gegenstände der übrigen Bilder, die ich nicht nenne sindmehr oder weniger unglücklich. Der gute Künstler hat sich gemartertund doch Erfindung und Pinsel, Geist und Hand verschwendet,und verlohren.
Es ist mir lieb und werth daß ich auch das gesehn habe, obgleich in diesem Vorüberrennen wenig Genuß ist
Gute Nacht m. L. ich habe auch heute Abend keine rechteSammlung.
Du verzeihst daß ich so hinschreibe, es ist doch in der Folgemehr als ein weiß Blat. Gute Nacht.
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