Tagebucheintrag

Reisetagebuch Italien 1786, 19. September 1786

Vicenz d. 19. Sept. Vor einigen Stunden bin ich hier angekommen und habe schondie Stadt durchlaufen, das Olympische Theater und die Gebäudedes Palladio gesehen. Von der Bibliotheck kannst du sie in Kupfer haben also sag ich nichts nenn ich nichts, als nur im allgemeinen. Wenn man dise Wercke nicht gegenwärtig sieht, hat man dochkeinen Begriff davon. Palladio ist ein recht innerlich und voninnen heraus groser Mensch gewesen. Die größte Schwürigkeit ist immer die Säulenordnungen in der Bürgerlichen Baukunst zu brauchen. Säulen und Mauern zu verbinden,ist ohne Unschicklichkeit beynahe unmöglich, davonmündlich mehr. Aber wie er das durcheinander gearbeitet hat,wie er durch die Gegenwart seiner Wercke imponirt und vergessenmacht daß es Ungeheuer sind. Es ist würcklich etwas göttliches in seinen Anlagen, völlig die Force des großen Dichtersder aus Wahrheit und Lüge ein Drittes bildet das uns bezaubert. Das Olympische Theater ist, wie du vielleicht weißt, ein Theaterder Alten realisirt. Es ist unaussprechlich schön. Aber als Theater,gegen unsre ietzigen, kommt es mir vor wie ein vornehmes,reiches, wohlgebildetes Kind, gegen einen klugen Kaufmann derweder so vornehm, so reich, noch so wohlgebildet ist; aber besser weiß was er mit seinen Mitteln anfangen kann. Wenn man nun darneben das enge schmutzige Bedürfniß derMenschen sieht, und wie meist die Anlagen über die Kräffte derUnternehmer waren und wie wenig diese köstlichen Monumenteeines Menschengeistes zu dem Leben der übrigen passen; so fällt einem doch ein daß es im moralischen eben so ist. Dannverdient man wenig Danck von den Menschen, wenn man ihrinnres Bedürfniß erheben, ihnen von sich selbst eine grose Ideegeben, ihnen das Herrliche eines grosen wahren Daseyns fühlenmachen will |: und das thun sinnlicherweise die Wercke des Palladio in hohen Grade :| aber wenn man die Vögel belügt, ihnen Mährgen erzählt, ihnen vom Tag zum andren forthilft ppdann ist man ihr Mann und drum sind so viele Kirchen zustande gekommen, weil von daher für das Bedürfniß der Sterblichenam besten gesorgt wird. Ich sage das nicht um meine Freunde herunter zusetzen, ich sage nur daß sie so sind und daßman sich nicht verwundern muß wenn alles ist wie es ist. Was sich die Basilika des Palladius neben einem alten mit ungleichenFenstern übersäten Kastelähnlichen gebäude ausnimmt,das er sich gewiß zusammt dem Thurn weggedacht hat, läßt sich nicht ausdrücken. Der Weg von Verona hierher ist sehr angenehm, man fährt Nordostwärts an den Gebürgen hin und hat die Vorderberge, dieaus Kalck, Sand, Thon, Mergel bestehn immer lincker Hand, aufden Hügeln die sie bilden liegen Orte, Schlösser, Häuser dann folgt die weite Plaine durch die man fährt. Der gerade, gutunterhaltne, weite Weg geht durch fruchtbares Feld, an Reihenvon Bäumen sind die Reben in die Höhe gezogen, von denen sie, als wärens die Zweige, herunter fallen. Hier kann man sich eine Idee von Festons bilden. Die Trauben sind zeitig und beschweerendie Ranken, die lang und schwanckend herunter hängen, derWeg ist voll Menschen aller Art und Gewerbes, besonders freutenmich die Wagen, die mit 4 Ochsen bespannt, grose Kufen fuhren, in denen die Weintrauben aus den Weingärten gehohltund gestampft werden, es standen meist die Führer drinne undes sah einem bachischen Triumphwagen vollkommen gleich.Zwischen den Weinreihen ist der Boden zu allerley Arten hiesigenGetraides besonders Türckisch Korn und des Sorgo benutzt. Wenn man gegen Vicenz kommt streichen wieder Hügel von Nord nach Süden es sind vulkanische, schliesen die Ebne,und Vicenz liegt an ihrem Fuße, und wenn man will in einemBusen den sie bilden.

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