Normalzeugnis Zeugnis
Knebel an Caroline Herder 6. 2. 1789 (Düntzer6 S. 242)
Ich war gestern den meisten Theil des Abends noch bei Goethe. Den Unterschied der Schönheit als Vollkommenheit eines Ganzen und als Vollkommenheit eines scheinbaren Ganzen erkannte er nicht nur, sondern sagte auch darüber noch mehrere sehr richtige Sachen. Schönheit der Natur ist Vollkommenheit des Ganzen, zu einer anschaulichen Kenntniß gebracht; Schönheit der Kunst ist gleichsam der Anblick des Vollkommnen, in der Seele des Künstlers zur Gestalt gereift und durch innere Kraft wieder zur Gestalt wirkend. Die erste Schönheit besteht in Ordnung und Gesetzen der Natur, so weit sie übereinstimmend erkannt werden; die Schönheit des Künstlers gründet sich auf dieselbe Ordnung, aber sie wirkt stärker auf die Sinneskräfte, und äußert sich durch die Art und Weise, wie der Künstler jene aufzunehmen und darzustellen vermag. Beiderlei Arten mischen sich in der Seele; die letzte allein bestimmt den Werth des Künstlers. So etwa. Ich denke, das wird uns Licht geben, über beide Arten consequent zu denken, daß Philosoph und Künstler in richtigem Verhältniß neben einander stehn können.
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