Normalzeugnis Zeugnis
Caroline v. Herder, Erinnerungen: Ankunft in Weimar u. Situation daselbst (SB Berlin, PrK, Herder XXXVII 1)
Den 2 Octob. 1776 Abends 9 Uhr ... kamen wir in Weimar an ... Herder wurde vom Herzog, den beiden Herzoginnen (der regierenden u. Herzogin Mutter) ungemein gut u. gnädig aufgenommen; u. von Goethe als einem treuen geliebten Freund ...
Den 15 Oct. wurde er im Ober-Consistorium als Ober Consistorial Rath eingeführt u. in Pflicht genommen. Nachdem er den Eid geleistet hatte, las ihm der Präsident ein Rescript vom Herzog vor, nach welchem der ersten Classe d. h. allen denen Personen, die seine eigentliche Gemeinde ausmachen, die Erlaubniß gegeben war, sich ihren Beichtvater frey zu wählen ...
Ehre im Amt u. Geschäften war sein höchster u. reitzbarster Punkt. Er schrieb denselben Tag noch an den Herzog u. Goethe, daß er unter dieser Kränkung, indem man ihm seine Gemeinde nehme, sein Amt nicht antreten werde. Der Herzog u. Goethe waren abwesend auf der Jagd ...
Goethe der nicht das hohe Ehrgefühl für Amt u. Geschäft u. Gerechtigkeit besizt, war mit Herders Benehmen nicht zufrieden – er nannte sein Betragen nachmals gegen Kaufmann eine Pfafferei. – Kaufmann stimmte bey, u. warfs Herdern vor, so grob u. trocken in seiner anmassenden Propheten Manier. – Dies gab leider sogleich beim Anfang zwischen ihm u. Goethe laue unangenehme Eindrücke. Aber hier siegte die Wahrheit – Goethe wurde endlich überzeugt – es war die Stimme der ganzen Stadt. – Herder ward über dies männliche Betragen wie über seine Predigt angebetet ...
Zu Weimar wurden dem jungen Herzoglichen Ehepaar durch die Herzogin Mutter, Goethe, Knebel, u. Siegmund von Seckendorf, Feste, mannichfaltige Unterhaltungen, Concerte, Comödien, Vorlesungen u. Gesellschaften veranstaltet, an denen Herder meist Theil nahm. Alles war darauf bedacht, das fürstl. Paar zu unterhalten ...
Ich muß hier über Herders Verhältniß mit dem Herzog u. Goethe eine vorläufige Einleitung geben ...
Es ging ihm wie allen Prinzen, auch er wurde nur zum Prinzen erzogen. Es fehlte ihm wie überall lebendiges Intreße; die Menschen standen in Unterwürfigkeit zu weit von ihm ab. – Er bekam Langeweile. – es schlich sich, ohnerachtet seiner Lebendigkeit eine Interesselosigkeit ein, an allem was ihn umgab, besonders gegen das weibliche Geschlecht. – So war er, als er um die Zeit seiner Vermählung im Jahr 1775 Goethe zu Frankfurt kennen lernte, eine heftige Neigung zu ihm faßte, ihn zum Vertrauten u. Busen-Freund erwählte u. ihn in seine Dienste nahm. Goethe entdeckte er seine vernachläßigte Erziehung u. seinen Unwillen darüber. Goethe entdeckte hinwieder am jungen Herzog große Anlagen. Er wollte das Vernachläßigte gut machen, durch entgegen gesezte Mittel. Er band ihn von den Fesseln des Hofs u. der Convenienz los – suchte ihm über die Dinge des Lebens gesunde natürliche Ansicht zu geben – hielt ihn meist in freier Luft u. Bewegung; in Wäldern auf Jagden u. in Aufsuchung jugendlicher Abentheuer, Wagestücken, pp
In dieser Crisis war der Herzog u. sein neuer Mentor Goethe, als Herder nach Weimar kam.
Bei dieser zu gewaltsamen Umarbeitung wurde auf alles was Einrichtung, Schule, Kirche hieß, wacker geschimpft u. jede Erziehung zu moralischer Bildung u. Kenntnissen – als unvernünftig verworfen, dagegen declamirt, u. nur die physische Erziehung in Schutz genommen. – Der geistliche Stand wurde bey jeder Gelegenheit lächerlich gemacht – Parallelen zwischen dem armseeligen Land-Geistlichen u. dem in der Natur lebenden kräftigen Jäger häufig angestellt, wobei denn freilich der Geistliche in das jämmerlichste Licht kam. Kurz, Geistlichkeit u. Schulleute waren beim Herzog u. Goethe in der tiefsten Verachtung. Sie wünschten nichts mehr, als daß auch Herder in ihre Ansichten eingehen möchte, u. bemühten sich unabläßig durch feine u. grobe Darstellungen. Das ging nun aber freilich durchaus nicht ...
Dieser Anfang in Weimar war nun abermals eine schwere bittre Lage für ihn. Vom Herzog u. Goethe wurde sein Amt verachtet u. verspottet.
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