Brief
An Johanna Fahlmer (18. Oktober 1773)
Ihr Stillschweigen liebe Tante wissen wir ohngefähr zu berechnen, da wir uns wohl eher, gleicher Sünden schuldig gemacht haben. Sünde bleibts abr immer, und soll Ihnen in Rücksicht künftiger Besserung verziehen werden.
Ich hoffte die Ankunft des neuen Mädgens zu vernehmen, es nimmt sich Zeit wie ich mercke.
Das merckwürdigste das ich Ihnen melden kann, ist Schlossers Ankunft. das iunge Paar ist schon aufgeboten, wird in 14 Tagen Hochzeit machen und dann gleich nach Carlsruh gehn. Meine Schwester Braut grüsst Sie. sie ist ietzt im Packen ganz. und ich sehe einer fatalen Einsamkeit entgegen. Sie wissen was ich an meiner Schwester hatte – Doch was thuts, ein rechter Kerl muss sich an alles gewöhnen. Die Zeit sind einige sehr brave Menschen aus der Weiten Welt, besonder einer, zu mir kommen die mir viel gute Tage gemacht haben. Um unsern kleinen Zirkel siehts etwas scheu aus. Meine schwester macht einen grosen Riss, und ich – Betty versteht mich. Ich möchts wohl einmal so weit bringen mit Ihnen einen Ritt vom Gallenthor durch die Terminey biss zum Allerheiligen zu thun. Indess will ich den Winter meiner Schlittschue mich freuen.
Dass Sie Jungen lieben müssten sagt ich Ihnen zum voraus, nur wollt ich dass Sie auch Leute lieben könnten die nicht sind wie er.
Grüssen Sie mir die liebe Frau hundertmal. Lotte wird meinen Brief haben.
Mit meiner Autorschafft stehts windig. Gearbeit hab ich, aber nichts zu Stande gebracht. Den Jahr marckt sollen Sie haben, aufs Wort ihn nicht aus der Hand zu geben, noch – Ich brauche keine Conditionen mit Ihnen.
Der Musenalman. von Göttingen ist recht sehr gut dies Jahr. Sie werden viel wahres und warmes finden. Auch einige Dinge wo nicht von mir, doch die ich Ihnen gelesen habe.
Was Sie vom Merkur schreiben scheint mich auf ein ungünstig Urteil vorbereiten zu wollen. Hat nichts zu sagen, ich binn dergleichen gewohnt. Nur kommts drauf an ob der Rez. ein rechter Kerl ist, er mag mich loben oder tadlen, und was ich von ihm halte will ich Ihnen wohl sagen. Noch haben wir Ihn nicht Sie kennen die geflügelte Expedition des Götterboten.
Ein schöner neuer Plan hat sich in meinr Seele aufgewickelt zu einem grosen Drama. Ich will nur erst zu sehn, ob ich aus dem Lob und Tadel des Publikums was lernen kann.
Und mein gewonnen Drama, und Wielands Ausspruch. Dass nicht der solange hängt als in Wezlar ein Spruch. Ich hab gewonnen liebe Tante, ohne Umstände gewonnen ergeben Sie Sich nur eh Sie durch Urteil und Exekution angehalten werden. Lesen Sie die Stelle aber und abermal, und verdancken Sie Ihre Sinnesänderung wenigstens Ihren eignen Augen.
Adieu liebe Tante, und lassen Sie uns manchmal ein sichtbaares Zeichen Ihrer Erinnerungen sehn. Sie wissen wir sind sinnliche Menschen. Frf. am 18. O. 1773.
Goethe.
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