Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. 11. 5. 1787 (WA I 31, 204)
Heute trennten wir uns von dem wackern Führer, ein gutes Trinkgeld belohnte seine sorgfältigen Dienste. Wir schieden freundlich, nachdem er uns vorher noch einen Lohnbedienten verschafft, der uns gleich in die beste Herberge bringen und alles Merkwürdige von Messina vorzeigen sollte. Der Wirth, um seinen Wunsch uns los zu werden schleunigst erfüllt zu sehen, half Koffer und sämmtliches Gepäck auf das schnellste in eine angenehme Wohnung schaffen ... Die Sorge vor neuem Unheil ward am ein und zwanzigsten April, also ungefähr vor zwanzig Tagen, erneuert, ein merklicher Erdstoß erschütterte den Boden abermals. Man zeigte uns eine kleine Kirche, wo eine Masse Menschen, gerade in dem Augenblick zusammengedrängt, diese Erschütterung empfanden. Einige Personen, die darin gewesen, schienen sich von ihrem Schrecken noch nicht erholt zu haben.
Bei’m Aufsuchen und Betrachten dieser Gegenstände leitete uns ein freundlicher Consul, der, unaufgefordert, vielfache Sorge für uns trug – in dieser Trümmerwüste mehr als irgendwo dankbar anzuerkennen. Zugleich auch, da er vernahm, daß wir bald abzureisen wünschten, machte er uns einem französischen Kauffahrer bekannt, der im Begriff stehe nach Neapel zu segeln. Doppelt erwünscht, da die weiße Flagge vor den Seeräubern sichert.
Eben hatten wir unserm gütigen Führer den Wunsch zu erkennen gegeben, eine der größern, obgleich auch nur einstöckigen Hütten inwendig, ihre Einrichtung und extemporirte Haushaltung zu sehen, als ein freundlicher Mann sich an uns anschloß, der sich bald als französischer Sprachmeister bezeichnete, welchem der Consul, nach vollbrachtem Spaziergange, unsern Wunsch solch ein Gebäude zu sehen eröffnete, mit dem Ersuchen, uns bei sich einzuführen und mit den Seinigen bekannt zu machen.
Wir traten in die mit Bretern beschlagene und gedeckte Hütte. Der Eindruck war völlig wie der jener Meßbuden, wo man wilde Thiere oder sonstige Abenteuer für Geld sehen läßt: das Zimmerwerk an den Wänden wie am Dache sichtbar, ein grüner Vorhang sonderte den vordern Raum, der, nicht gedielt, tennenartig geschlagen schien. Stühle und Tische befanden sich da, nichts weiter von Hausgeräthe. Erleuchtet war der Platz von oben durch zufällige Öffnungen der Breter. Wir discurirten eine Zeitlang und ich betrachtete mir die grüne Hülle und das darüber sichtbare innere Dachgebälke, als auf einmal, hüben und drüben des Vorhangs, ein paar allerliebste Mädchenköpfchen neugierig herausguckten, schwarzäugig, schwarzlockig, die aber, sobald sie sich bemerkt sahen, wie der Blitz verschwanden, auf Ansuchen des Consuls jedoch, nach so viel verflossener Zeit als nöthig war sich anzuziehen, auf wohlgeputzten und niedlichen Körperchen wieder hervortraten und sich mit ihren bunten Kleidern gar zierlich vor dem grünen Teppich ausnahmen. Aus ihren Fragen konnten wir wohl merken, daß sie uns für fabelhafte. Wesen aus einer andern Welt hielten, in welchem liebenswürdigen Irrthum sie unsere Antworten nur mehr bestärken mußten. Auf eine heitere Weise mahlte der Consul unsere mährchenhafte Erscheinung aus; die Unterhaltung war sehr angenehm, schwer sich zu trennen. Vor der Thür erst fiel uns auf, daß wir die innern Räume nicht gesehen und die Hausconstruction über die Bewohnerinnen vergessen hatten.
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