Normalzeugnis Zeugnis

Caroline Herder an Herder 13. 2. 1789 (Düntzer6 S. 249)

Goethe besuchte mich den Montag, und läßt Dich herzlich grüßen. Er begreift und versteht Dein inniges Gefühl ganz. Er sagte: „Wenn man sich die Gegend zueignen will, so geht man unter“ – oder nach meinem Gefühl, man verliert sich selbst in dem großen Ganzen, und vergißt alles und die Welt, wie Du sagst ... Mit Goethe habe ich mich am Montage über die Leonore im Pater Brey ausgesprochen. Ich frug ihn, ob ich diese Person so ganz gewesen wäre? Bei Leibe nicht! sagte er; ich solle nicht so deuten. Der Dichter nehme nur so viel von einem Individuum, als nothwendig sei, seinem Gegenstand Leben und Wahrheit zu geben; das übrige hole er ja aus sich selbst, aus dem Eindruck der lebenden Welt. Und da sprach er gar viel Schönes und Wahres darüber. Auch daß wir den Tasso, der viel Deutendes über seine eigne Person hätte, nicht deuten dürfen, sonst wäre das ganze Stück verschoben u. s. w. Kurz, ich war völlig befriedigt, da ich mir ihn so ganz als Dichter denke. Er nimmt und verarbeitet in sich aus dem All der Natur (wie es Moritz nennt), in das ich auch gehöre, und alle andre Verhältnisse sind dem Dichter untergeordnet. Das sehe ich jetzt deutlich, und ich sehe ihn täglich mehr in seinem eigentlichen Licht. Er ist eben ein glücklich Begünstigter von der Natur.

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