Brief
An Johann Daniel Salzmann (19. Juni? 1771)
Nun wär es wohl bald Zeit dass ich käme, ich will auch, und will auch, aber was will das Wollen gegen die Gesichter um mich herum. Der Zustand meines Herzens ist sonderbaar, und meine Gesundheit schwanckt wie gewöhnlich durch die Welt, die so schön ist als ich sie lang nicht gesehen habe.
die angenehmste Gegend, Leute die mich lieben, ein Zirckel von Freuden! Sind nicht die Träume deiner Kindheit alle erfüllt? Frag ich mich manchmal, wenn sich mein Aug in diesem Horizont von Glückseeligkeiten herumweidet; Sind das nicht die Feengärten nach denen du dich sehntest? – Sie sinds, Sie sind s! Ich fühl es lieber Freund, und fühle dass mann um kein Haar glücklicher ist wenn man erlangt was man wünschte. Die Zugabe! die Zugabe! die uns das Schicksaal zu ieder Glückseeligkeit drein wiegt! Lieber Freund, es gehört viel Muth dazu, in der Welt nicht missmutig zuwerden. Als Knab pflanzt ich ein Kirschbäumgen im Spielen, es wuchs und ich hatte die Freude es blühen zu sehen, ein Mayfrost verderbte die Freude mit der Blüte, und ich musste ein Jahr warten, da wurden sie schön und reif; aber die Vögel hatten den grössten Theil gefressen eh ich eine Kirsche versucht hatte, ein ander Jahr warens die Raupen, dann ein genäschiger Nachbaar, dann das Meelthau; und doch wenn ich Meister über einen Garten werde, pflanz ich doch wieder Kirschbaumle, trotz allen Unglücksfällen gibts noch so viel Obst dass man satt wird; ich weiss noch eine schöne Geschichte von einem Rosenheckgen die meinem seeligen Grossvater passirt ist, und die wohl etwas erbaulicher als die Kirschbaumshistorie, die ich nicht anfangen mag, weil es schon spät ist.
Machen Sie Sich auf ein abenteuerlich Ragout, Reflexionen, Empfindungen die man unter dem allgemeinen Titel Grillen eigentlicher begreifen könnte gefasst.
Leben Sie wohl und wenn Sie mich bald wieder sehen wollen so schicken Sie mir einen Wechsel mich auszulösen denn ich habe mich hier fest gefressen.
Im Ernste seyn Sie so gut und geben Sie der Überbringerinn eine Louisdor mit, ich hatte mich auf so lange Zeit nicht gefasst gemacht. Sie schreiben mir doch, da sind Sie so gut und stecken sie in den Brief und binden es der Trägerinn wohl ein. Adieu lieber Mann verzeihen Sie mir alles. Ihr Goethe.
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