Normalzeugnis Zeugnis

Dichtung und Wahrheit VII (WA I 27, 87)

So lange Schlosser in Leipzig blieb, speis’te ich täglich mit ihm, und lernte eine sehr angenehme Tischgesellschaft kennen. Einige Lievländer Johann Georg u. Heinrich Wilhelm von Olderogge, Gustav v. Bergmann u. a. und der Sohn des Oberhofpredigers Herrmann in Dresden Christian Gottfried H., nachheriger Burgemeister in Leipzig, und ihre Hofmeister, Hofrath Pfeil, Verfasser des Grafen von P., eines Pendants zu Gellerts Schwedischer Gräfin, Georg Ludwig Friedrich Zachariä, ein Bruder des Dichters, und Gottlob Friedrich Krebel, Redacteur geographischer und genealogischer Handbücher, waren gesittete, heitere und freundliche Menschen. Zachariä der stillste; Pfeil ein feiner, beinahe etwas Diplomatisches an sich habender Mann, doch ohne Ziererei und mit großer Gutmüthigkeit; Krebel ein wahrer Fallstaff, groß, wohlbeleibt, blond, vorliegende, heitere, himmelhelle Augen, immer froh und guter Dinge. Diese Personen begegneten mir sämmtlich, theils wegen Schlossers, theils auch wegen meiner eignen offenen Gutmüthigkeit und Zuthätigkeit, auf das allerartigste, und es brauchte kein großes Zureden, künftig mit ihnen den Tisch zu theilen. Ich blieb wirklich nach Schlossers Abreise bei ihnen, gab den Ludwigischen Tisch auf, und befand mich in dieser geschlossenen Gesellschaft um so wohler, als mir die Tochter vom Hause Anna Katharina Schönkopf, ein gar hübsches nettes Mädchen, sehr wohl gefiel, und mir Gelegenheit ward freundliche Blicke zu wechseln, ein Behagen, das ich seit dem Unfall mit Gretchen weder gesucht noch zufällig gefunden hatte. Die Stunden des Mittagessens brachte ich mit meinen Freunden heiter und nützlich zu. Krebel hatte mich wirklich lieb und wußte mich mit Maßen zu necken und anzuregen: Pfeil hingegen bewies mir eine ernste Neigung, indem er mein Urtheil über manches zu leiten und zu bestimmen suchte. Bei diesem Umgange wurde ich durch Gespräche, durch Beispiele und durch eigenes Nachdenken gewahr, daß der erste Schritt, um aus der wässerigen, weitschweifigen, nullen Epoche sich herauszuretten, nur durch Bestimmtheit, Präcision und Kürze gethan werden könne. Bei dem bisherigen Stil konnte man das Gemeine nicht vom Besseren unterscheiden, weil alles unter einander in’s Flache gezogen ward.

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