Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. 12. 5. 1787 (WA I 31, 207)
Der Consul, unter andern, sagte, daß es wo nicht unumgänglich nöthig doch wohl gethan sei dem Gouverneur Don Michele Odea aufzuwarten, der, ein wunderlicher alter Mann, nach Laune und Vorurtheil eben so gut schaden als nutzen könne; dem Consul werde es zu Gunsten gerechnet, wenn er bedeutende Fremde vorstelle, auch wisse der Ankömmling nie, ob er dieses Mannes auf eine oder andere Weise bedürfe. Dem Freunde zu gefallen ging ich mit.
In’s Vorzimmer tretend hörten wir drinne ganz entsetzlichen Lärm, ein Laufer mit Pulcinell-Gebärden raunte dem Consul in’s Ohr: „Böser Tag! gefährliche Stunde!“ Doch traten wir hinein und fanden den uralten Gouverneur, uns den Rücken zugewandt, zunächst des Fensters an einem Tische sitzen. Große Haufen vergelbter alter Briefschaften lagen vor ihm, von denen er die unbeschriebenen Blätter mit größter Gelassenheit abschnitt und seinen haushältischen Charakter dadurch zu erkennen gab. Während dieser friedlichen Beschäftigung schalt und fluchte er fürchterlich auf einen anständigen Mann los, der, seiner Kleidung nach, mit Malta verwandt sein konnte und sich mit vieler Gemüthsruhe und Präcision vertheidigte, wozu ihm jedoch wenig Raum blieb. Der Gescholtene und Angeschriene suchte mit Fassung einen Verdacht abzulehnen, den der Gouverneur, so schien es, auf ihn, als einen ohne Befugniß mehrmals An- und Abreisenden, mochte geworfen haben, der Mann berief sich auf seine Pässe und bekannten Verhältnisse in Neapel. Dieß aber half alles nichts, der Gouverneur zerschnitt seine alten Briefschaften, sonderte das weiße Papier sorgfältig und tobte fortwährend.
Außer uns beiden standen noch etwa zwölf Personen in einem weiten Kreise, dieses Thiergefechtes Zeugen, uns wahrscheinlich den Platz an der Thüre beneidend, als gute Gelegenheit, wenn der Erzürnte allenfalls den Krückenstock erheben und dreinschlagen sollte. Die Gesichtszüge des Consuls hatten sich bei dieser Scene merklich verlängert; mich tröstete des Laufers possenhafte Nähe, der, draußen vor der Schwelle, hinter mir allerlei Faxen schnitt, mich, wenn ich manchmal umblickte, zu beruhigen, als habe das so viel nicht zu bedeuten.
Auch entwirrte sich der gräßliche Handel noch ganz gelinde, der Gouverneur schloß damit: es halte ihn zwar nichts ab, den Betretenen einzustecken und in Verwahrung zappeln zu lassen, allein es möge dießmal hingehen, er solle die paar bestimmten Tage in Messina bleiben, alsdann aber sich fortpacken und niemals wiederkehren. Ganz ruhig, ohne die Miene zu verändern, beurlaubte sich der Mann, grüßte anständig die Versammlung und uns besonders, die er durchschneiden mußte um zur Thüre zu gelangen. Als der Gouverneur ihm noch etwas nachzuschelten sich ingrimmig umkehrte, erblickte er uns, faßte sich sogleich, winkte dem Consul, und wir traten an ihn heran.
Ein Mann von sehr hohem Alter, gebückten Hauptes, unter grauen struppigen Augenbrauen schwarze tiefliegende Blicke hervorsendend; nun ein ganz anderer als kurz zuvor. Er hieß mich zu sich sitzen, fragte, in seinem Geschäft ununterbrochen fortfahrend, nach mancherlei, worüber ich ihm Bescheid gab, zuletzt fügte er hinzu: ich sei, so lange ich hier bliebe, zu seiner Tafel geladen. Der Consul, zufrieden wie ich, ja noch zufriedener, weil er die Gefahr, der wir entronnen, besser kannte, flog die Treppe hinunter, und mir war alle Lust vergangen, dieser Löwenhöhle je wieder nah zu treten.
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