Normalzeugnis Zeugnis
J. G. Jacobi, Tagebuch 24. 7. 1774 (Vom Fels zum Meer 1884/85 I 580)
Mein Bruder, Herr Rost Heinse, Goethe und ich setzten uns, morgens um 5 Uhr, in den Wagen, um das Schloß Bensberg zu besehen.
Ich reiste gern mit unserem Fremden, so sehr auch wir beide in unsrer Art zu sehen, zu hören und zu fühlen verschieden sind. Eben so wie ich unter den alten Griechen, so lebt er unter den alten Schotten, Kelten und Deutschen – nur mit dem Unterschiede, daß ich zuweilen mit Lust auf seinen rauhen Gebirgen oder in seinen Felsenschlössern oder in den weiten Sälen ihn besuche, wo Pfeil und Bogen sammt der Harfe an der Wand hängen, und die Harfe von selbst einen Klang giebt, weil die Seelen der Väter hinkommen und sie berühren, er aber in meine lustigen Thäler, wo eine Grazie auf der Leier spielt, nicht herabsteigen mag.
Wir langten in Bensberg an ... Wir speisten in einer schönen Laube, dicht an einem Gärtchen voll Blumen; hinter dem Gärtchen öffnete sich ein Teil der großen Aussicht ...
Nach Tische giengen wir auf das Schloß, dessen Wände großenteils von berühmten niederländischen und italienischen Meistern gemalt sind ... Nachdem Goethe die Natur und das wahre Leben einiger Jagdstücke von Weenix genug betrachtet, und ich bei dem Reize der artigsten Nymphen und Göttinnen mich aufgehalten hatte, reisten wir nach Köln ... Unser erstes Geschäfte war, ein Gemälde von Rubens in der St. Peterskirche aufzusuchen. Dieses stellt die Kreuzigungdes h. Petrus vor ...
Von hier ließen wir uns in die ehemalige Wohnung der Familie von Jabach führen, und besahen in einem gewölbten, gleich einer Kapelle gebauten Gemach eine Schilderei des Le Brun, worauf die Familie abgebildet ist ... Der Gedanke, daß diejenigen, deren Bildnisse wir vor uns hatten, alle dahin wären; daß der Geist des Jabach öfter diesen Tempel besuchte, die irdische Gestalt, das Fleisch seiner Gattin und seiner Kinder anschaute; daß sein Familienstück in kurzem verkauft, aus dem Tempel herausgerissen, den Blicken der Unheiligen bloßgestellt, nichts als ein Galerie-Stück sein würde: dieser Gedanke machte auf unsern Fremdling ein gewaltigen Eindruck.
Die beste Zierde des Jabachischen Gartens waren antike Urnen. Übrigens war die Anlage desselben voll Einfalt und edel. Nun kehrten wir in unsern Gasthof zurück, wo Goethe uns in der Dämmerung altschottische Romanzen, voll wahren Gefühls der Natur, mit Geistererscheinungen vermischt, in einem unübertrefflichen Tone dergestalt hersagte, daß wir bei der letzten, ohne falsche Nebenempfindung der Kunst, so wahrhaftig zusammenfuhren, so im Ernste bange wurden, als ehemals in unsern Kinderjahren, wenn wir den abenteuerlichen Geschichten unserer Wärterinnen von ganzer Seele, mit allem möglichen Glauben daran, zuhörten.
Unsre Abendmahlzeit war fröhlich. Wir sahen nicht weit von uns den Rhein, welchen der Mond versilberte, und dessen Geräusch in der Stille der Nacht etwas Feierliches hatte. Das Ende dieses Tages sollte so schön als der Morgen sein.
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