Normalzeugnis Zeugnis
Caroline Luise Hempel an Gleim 27. 5. 1778 (Pröhle S. 78)
Möchte Göthe, den ich so lieb habe, doch nur einen sichtbaren Theil dieses nie genug zu preisenden Herzens meines Gleim’s haben! Diesen Mangel verräth er noch bei aller seiner blendenden Größe und o! was könnte er sein, wenn er wollte; der Schrankenlose Kopf! der Crösus-Lucullus von dem feinsten Menschengefühl! Wenn Sie ihn hätten kommen sehen, unerwartet in unsre Thür treten, mit den Augen meine Mutter Luise Karsch suchen, mit seinen Augen ach! unaussprechlich reizend war die Cene. So kommt nur reuige Liebe zu Liebe ... Aber es war noch etwas süßer in seinem Wesen als das; doch wer kann noch sagen, was für Wesen? das weiß ich, daß in seinen großen hellen Augen der ganze Göthe strahlte, nicht der flammende, zugreifende, ungenügsame Göthe, der welcher Lotten Brot schneiden sah, der war’s ungefähr, nur daß sein Mund stumm blieb und Göthe stumm blieb bey Eintritt, beym Umarmen und einiger Wendung bis zum Sitze, da denn meine Mutter die erste Frage an ihn that. Ich hätte gar zu gern die Hand auf seine liebe Brust gelegt, ob nur sein Herz auch das geschlagen hätte, waß sein Seraphgleiches Stummsein verkündigte, aber der Mensch wirft so viel Respect aus seinen Augen, daß ich mich kaum traute, in seiner Gegenwart zu bleiben. Ich mußte ein paar Mal hinaus, lief aber geschwind wieder hinein, und da hört’ ich einmal, daß meine Mutter von Ihnen frug; er antwortete wieder seine Gewohnheit in dreyen Theilen darauf, und ich fühlt es das ihr Name sein Ohr tränkte, und das er gerne mehr von Ihnen gesprochen hätte, wenn bey einem Fest-Besuche die Reden nicht zur bloßen Cour wären ... Mama sagte zu Göthe, sie habe eine neugeborne Dichterin zur Enkellin, wie alt ist sie? vierzehn Wochen sagte sie „So laßen sie dieselbe Dichterin sein bis sie sprechen kann“ war das wohl menschenfreundlich von dem Unart?
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch