Brief

Von Wilhelm von Humboldt (28. Juni 1797)

H. entschuldigt die späte Antwort auf G.s liebevollen Brief vom 8ten, der ihm aus Berlin nachgesandt wurde (vgl. RA 2, Nr. 862). - J. F. Vieweg habe alle Änderungen G.s zu "Hermann und Dorothea" bis auf zwei noch berücksichtigen können. - Über den 9. Gesang: Er helfe das große Bild von der Lage der Zeit u. der neuen Umgestaltung der Dinge [...] treflich vollenden. Die Gesinnungen der beiden Verlobten Dorotheens umschlössen alles, was nur über diesen Gegenstand menschlich gedacht u. empfunden werden kann. In den Charakteren der beiden habe G. die beiden Hauptarten menschlichen Daseyns [...], das unruhige Streben nach Erweiterung u. Veredlung, u. die bescheidene Beschränktheit meisterhaft gestaltet. Dabei erscheine der ruhige Hermann eigentlich nicht minder heldenmäßig als der andere. Dieser Schluß vollende zugleich den Begriff des Epischen in G.s Gedicht, vorzüglich im Gegensatz mit der Idylle, die nur das Bild Einer Hälfte der Menschheit gebe, während das Epos allein die gesammte Menschheit umfasse und alle Elemente menschlichen Daseyns zu Einem großen Ganzen zusammenfasse. - Einzelne Korrekturbemerkungen zum 9. Gesang. - H. bedauert, daß G. ihm die Hoffnung nehme, sich jenseits der Alpen zu sehen, und übermittelt Grüße von seinem Bruder und seiner Frau.

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