Brief
Von Wilhelm Karl Grimm (18. Juni 1811)
Grimm übersende nun die gedruckten "Altdänischen Heldenlieder" (Ruppert 772), von denen er G. (im Dezember 1809) bereits persönlich einen Teil des Manuskripts überreicht habe. Ziel der Übersetzung sei es gewesen, dem Publikum das Fremde näherzubringen, ohne das Original zu verfälschen. Obwohl der Wert der Lieder für die Geschichte der Poesie unzweifelhaft sei, rechne Grimm wegen ihrer Eigentümlichkeit aber nicht auf zahlreiche Leser. Was ihm bemerkenswert erschien, habe er in der Vorrede bemerkt, und auch der Anhang lasse sich dem besonderen Studium zu lieb durcharbeiten. Die Tatsache, daß die Lieder durch so lange Zeiten lebendig geblieben seien, mache sie unverwundbar für moderne Kritiker. - Durch H. von Hammerstein sei Grimm in den Besitz herrlicher Schätze der altnordischen Literatur, die man mit Unrecht die isländische nennt, gekommen. Es handle sich um Abschriften von den Manuscripten des Magnäischen Instituts (Handschriften des Arni Magnússon). Die Dänen bewachten diese Schätze der altnordischen Literatur und gingen, aus Trägheit und Gleichgültigkeit, nicht an deren Veröffentlichung. So liege das Manuskript der jüngern Edda ("Edda Snorra") von einem Isländer (Jón Olafsson) bereits seit einem halben Jahrhundert unbearbeitet, während die einzige Ausgabe von P. H. Resen aus dem Jahre 1665 fehlerhaft und unzugänglich sei. Die Schuld an diesem Zustand trügen besonders die beiden Isländer, welche das Institut besoldet zur Bearbeitung der alten Sagen, und welche seit dreißig Jahren eine Übersetzung geliefert haben. - Das vorzüglichste, das Grimm besitze, sei eine Abschrift des zweiten Theils der Sämundischen Edda, von der M. F. Arendt ein Manuskript besitze. Über die literarische Bedeutung der Lieder, die Grimm zum Besten rechne, was uns aus der Zeit des ernsten, grandiosen Styls von irgend einem Volk übrig geblieben, und die in den Cyklus des Nibelungen Lieds gehörten, aber altertümlicher wirkten als dieses. Grimm lege seine Übersetzung des ersten der zwölf Lieder der "Edda" ("Lied Sigurdurs") bei. Zusammen mit J. Grimm wolle er eine komplette und kommentierte Übersetzung erarbeiten (vgl. "Lieder der alten Edda", Ruppert 771). - Im Auftrag von L. Grimm übersende er zwei Kupferstiche, die dieser (nach Cranach-Bildnissen von Luther und Melanchthon) in München gefertigt habe.
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