Normalzeugnis Zeugnis

Schiller an W. v. Humboldt 9. 11. 1795 (SNA 28, 100)

Göthe ist seit dem 5ten hier und bleibt diese Tage noch hier, um meinen Geburtstag mit zu begehen. Wir sitzen von Abend um 5 Uhr biß Nachts 12 auch 1 Uhr beysammen, und schwatzen. Ueber Baukunst die er jetzt zur Vorbereitung auf seine Italienische Reise treibt hat er manches Interessante gesagt, was ich mir habe zueignen können. Sie kennen seine solide Manier, immer von dem Objekt das Gesetz zu empfangen, und aus der Natur der Sache heraus ihre Regeln abzuleiten. So versucht er es auch hier, und aus den drey ursprünglichen Begriffen, der Base, der Säule (Wand, Mauer und dergleichen) und dem Dach nimmt er alle Bestimmungen her, die hier vorkommen. Die Absurditäten in der Baukunst sind ihm nichts als Widersprüche mit diesen ursprünglichen Bestimmungen der Theile. Von der schönen Architectur nimmt er an, daß sie nur Idee sey, mit der jedes einzelne Architecturwerk mehr oder weniger streite. Der schöne Architect arbeitet, wie der Dichter, für den IdealMenschen, der in keinem bestimmten, folglich auch keinem bedürftigen Zustand sich befindet, also sind alle architectonische Werke nur Annäherung zu diesem Zweck, und in der Wirklichkeit läßt sich höchstens nur bey öffentlichen Gebäuden etwas ähnliches erreichen, weil hier auch jede einschränkende Determination wegfällt, und von den besondern Bedürfnissen der Einzelnen abstrahirt wird. Sie können wohl denken, daß ich ihn bey dieser Idee, die so sehr mit unsern aesthetischen Begriffen zusammenstimmt, festgehalten, und weiter damit zu kommen gesucht habe. Ich glaube man kann den Zweck der Baukunst, als schöner Kunst, objektiv ganz füglich so angeben, daß sie in jedem besondern Gebäude den Gattungsbegriff des Gebäudes überhaupt gegen den Artbegriff zu behaupten sucht, wodurch sie dann, subjektiv, den Menschen aus einem beschränkten Zustand zu einem unbeschränkten, (der doch wieder durchaus auf Gesetze gegründet ist), führt, und ihn folglich aesthetisch rührt. Göthe verlangt von einem schönen Gebäude, daß es nicht bloß auf das Auge berechnet sey, sondern auch einem Menschen, der mit verbundenen Augen hindurchgeführt würde, noch empfindbar seyn und ihm gefallen müsse. Daß von seiner Optik und seinen Naturhistorischen Sachen auch viel die Rede sey, können Sie leicht denken. Da er die letztern gerne vor seiner Italienischen Reise (die er im August 96 anzutreten wünscht) von der Hand schlagen möchte, so habe ich ihm gerathen, sie in einzelnen Aufsätzen, in seiner darstellenden Manier, zu den Horen zu geben. Ohnehin ist sonst nicht viel von ihm für das folgende Jahr zu hoffen. Wir haben dieser Tage auch viel über Griechische Litteratur und Kunst gesprochen, und ich habe mich bey dieser Gelegenheit ernstlich zu etwas entschlossen, was mir längst schon im Sinne lag, nehmlich das Griechische zu treiben ... Ihren Brief an Hellfeld habe ich noch nicht abgegeben. Göthe will sich erst noch besinnen, denn er hat einen neuen Bedienten, der ihn noch nicht recht zu besorgen weiß, und trennt sich deßwegen nicht gern von dem Schloß, wo ihn Trapizius der SchloßVoigt bedient. Die Ilgen die er neulich sah, gefiel ihm sehr wohl wie es schien, und ich merkte wohl, daß er nachher mehr Lust zu Ihrem Logis hatte. Wie er aber hörte, daß sie in ihren Mann und in ihre Tugend verliebt sey, so wurde von dem Logis nicht mehr gesprochen ... Göthe grüßt freundlich.

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