Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger, *Lit. Zustände 1, 36

(Versammlung den 2ten März.) Der Hr. Hofmedicus D. Hufeland setzte heute seine vor 8 Wochen angefangenen Vorlesungen über die verschiednen Mittel, seine Lebensdauer zu verlängern, durch sehr interessante Betrachtung über das, was eigentlich Lebenskraft heise, und über die Erscheinungen dieser Kraft in der organischen Schöpfung fort. Er machte gleich zum Anfange die treffende Bemerkung, daß überall wo das Wort Kraft vorkomme, die Philosophie sich im Gedränge befinde, wenn sie eine befriedigende Definition davon geben solle. Kraft sey eigentlich nur das x in der Algebra, die Benennung einer unbekannten Quantität. So lasse sich also auch die Lebenskraft nicht eigentlich definiren, aber wohl durch gewisse Eigenschaften und Wirkungen erkennen. Dergleichen Kennzeichen wurden nun 12 nacheinander aufgezählt z. B. sie bindet die Materie, die mit ihr durchdrungen ist, und hält zusammen. Fäulniß und Verdunstung zerstören nur todte Körper. Das Leben kann in gebundenem Zustand im Samenkorn Jahrelang, im Ey viele Monate, in der Raupenpuppe viele Wochen lang da seyn. Aber so lange sind auch diese Dinge vor innerer Zerstörung und Fäulniß sicher. Gewisse Dinge nähren und vermehren die Lebenskraft, andere zerstören sie merkbarer oder unmerkbarer. Als Nahrungs- und Beförderungsmittel der Lebenskraft wurden Licht, Wärme und Luft aufgeführt, und ihr Einfluß durch treffende Beispiele erläutert. Ohne jenen feinen, ätherischen Lichtstoff ist eigentlich gar kein Leben gedenkbar. Ingenhouß neuste Versuche mit Pflanzen. Kartoffelkeime, die sich zu entwickeln anfangen, leuchten im finstern Keller. Faules Holz, indem es zu neuem Leben gebildet wird, schimmert im Dunkeln. In der Tiefe der Erde, wo kein Lichtstrahl hindringen kann, hört alles Leben, alle Vegetation auf. Die Wärme ist entweder Wirkung oder Folge des Lebens. Dies läßt sich noch nicht recht entscheiden. Frühlingswärme belebt alles. Ein in Strasburg im Rhein ertrunkner Soldat war bloß durch Wärme ins Leben zurückgebracht. Das Gegentheil zerstörender Frost. Einige Bemerkungen hierüber. Luft. Viele Gewächse, Fordyces Goldfische, ein Französischer Offizier, der sich zu Tode hungern wollte, und 46 Tage nichts aß, lebte in diesem Element. Dephlogistisirte, eigentliche Lebensluft u. s. w. Aus allen diesen sehr fruchtbare Folgen. Schon hieraus erhellt, daß da die Lebenskraft nach der gleich zum Anfang von der Natur ertheilten grösern oder kleinern Summe von Lebensstoff, nach der Festigkeit oder Schlaffheit der Organe, nach dem grösern oder kleinern Aufwand, den der Mensch in seiner Lebensart davon macht, stärker oder geringer seyn muß, sich auch darnach diese Kraft verlängern oder verkürzen lassen muß. Intensives, extensives Leben. Die gewöhnliche Redensart: schnell leben, ist sehr wahr. Der Schlaf unterbricht das intensive Leben, damit das extensive länger dauere. Betrachtungen über den Winterschlaf der Thiere und Pflanzen. Die ganze Abhandlung kommt in Deutschen Merkur. Hierauf las ich eine Abhandlung über die Prachtgefäße der Alten vor. Sie ist für Modenjournal bestimmt, und durch die neue Erfindung von Wedgewood, die Enkaustik der Etrurischen Gefäße täuschend nachzumachen, veranlaßt. Da sehr viel von diesen gemalten Gefäßen, die in Campanien und Etrurien gefunden worden, in meiner Vorlesung vorkam: so ließ die Herzogin Mutter einige dergleichen ächte Antiken aus ihren Zimmern holen, die sie von ihrer Reise nach Italien selbst mitgebracht hat. Ich werde vielleicht künftig über die Gemälde, die sich auf diesen befinden, einige Mutmaßungen vortragen. Da fast die Hälfte der hier anwesenden Gesellschaft selbst in Italien zu Florenz und Portici die schönste Sammlung dieser Prachtgefäße gesehen hat: so waren die durch meine Vorlesung entstandene Unterredung mir sehr belehrend. Der Geh. Rath v. Göthe las hierauf Proben eines Lehrgedichts über die Pflanzen in deutschen Hexametern vor, das ihm die Gräfin Harrach aus Wien zugeschickt hatte. Der Verfasser K. E. Frhr. v. d. Lühe ist ein Schüler Linnées, ein Schwede, der aber die deutsche Sprache vortrefflich in seiner Gewalt haben muß. Ich erinnere mich nicht, in diesem Fache etwas Hinreißenderes je gehört zu haben. Vater Wieland war ganz entzückt darüber. Hier war mehr als Kleist und Haller. Die Alpenscenen, die Schilderungen der Ost- und Westindischen Blumen, die abstrakte botanische Sprache durch die glänzendsten Bilder gehoben z. B. von der Begattung der Pflanzen, alles verrieth einen grosen Meister, dessen Werk freilich noch durch Göthes meisterhafte Deklamation sehr gehoben wurde. Wegen Länge der schon gehaltenen Vorlesungen u. der dazwischen eintretenden Intermezzos von Gesprächen mußten einige andere Abhandlungen aufs künftige mal verschoben bleiben. Unter unsern Gästen befand sich dießmal auch der Bruder des Herzogs von Gotha, der Prinz August, ein sehr gelehrter u. liebenswürdiger Herr. Er ist zweimal in Rom und Neapel gewesen, und erzählte einige höchst interessante Anecdoten.

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