Normalzeugnis Zeugnis

W. v. Humboldt an F. A. Wolf 3. 6. 1795 (Humboldt, Werke 5, 119; Peters S. 14)

Gegen Mittag kam Göthe zu mir, und bedauerte sehr, Sie nicht mehr zu finden. Er ist Ihnen äußerst gut geworden, und trägt mir viele herzliche Empfehlungen an Sie auf. Die Prolegomena beschäftigen ihn sehr ernstlich, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie zufrieden er damit ist. Zwar ist er noch weit entfernt, sich überhaupt für eine Meinung entschieden zu haben; Sie kennen seine weise Bedachtsamkeit. Allein die Methode, und der Gang der Untersuchung machen ihm vorzügliche Freude, und er hat mir namentlich gesagt, daß in dieser Rücksicht schon jede Seite lehrreich sey. Böttiger hat letzten Freitag eine Abhandlung bei Göthe gelesen, wo er beweist, daß eine von Psammetichus berufene Jonische Colonie zuerst auf Papyrus geschrieben habe, und die ein wahres Böttigerisches Meisterstück sein soll, eine wahre Karrikatur und Parodie Ihrer Prolegomena, voller Blumen und Schnörkel. Gestern und heute blieb Göthe hier und morgen gehe ich mit ihm auf 2–3 Tage nach Weimar. Außer Einigem an meinen metris ist seit Ihrer Abwesenheit nicht viel bei mir geschehen. Indeß ist doch die Anzeige Ihrer Odyssee fertig, und Sie müssen nicht schelten, wenn ich sie beilege ... Der letzte Grund warum ich schicke ist, daß es doch, wie Göthe immer sagt, hübsch ist, auch Kleinigkeiten, gemeinschaftlich zu machen ... Ich habe Göthe ermuntert, die Ilias in Rücksicht auf Ihre Proleg. durchzulesen, und ich hoffe, er wird es thun.

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