Normalzeugnis Zeugnis
Molly v. Grävemeyer an Caroline v. Beulwitz 14. 10. 1786 (Grenzboten 1889 I S. 317; GJb 10, 145)
Die Pesteln hat Ihnen wahrscheinlich unsern Lebenslauf in Carlsbad nach Ihrer Abreise berichtet. Göthe hat viel vorgelesen, unter andern Doktor Faust und so schön, daß meine beiden Freundinnen Lenthiery und Fräulein Asseburg mich recht bedauerten, es nicht gehört zu haben, ich bedauerte mich damals schon selbst darum und noch hinten nach jedes mahl, wenn ich dran dencke. So sehr ich das Anhängen à la Reiscka hasse, so verdrießt es mich doch mich nicht einmahl mit unbescheidener Bitte zugedrängt zu haben, denn bey dialogirten Stücken ist es von vorzüglichem Wehrt, sie von dem Autor selbst lesen zu hören ...
Die Lenthiery haben wir viel gesehn und wirklich genoßen, es ist eine schöne, offne, reine Seele, voll Licht und der wahren Güte, die sich gewiß immer bey ächter Klarheit des Geistes findet. Sie hat sehr glücklich gemischt Bücher und Welt Kenntniß und daher, so wie es seyn muß, Interes und offnen Sinn für alles; es sind gar keine dürren Aeste in ihrem Verstande. Göthe gefiel ihr ganz ausnehmend, si j’avois un coeur a donner, sagte sie, je le donnerai a Göthe; nachher glaube ich, hätte sie es unter Herder und Göthe getheilt, denn sie liebte beyde.
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