Brief

An Johann Gottfried Herder (3. April 1790)

Ich sollte euch allerley guts sagen und ich kann nur sagen daß ich in Venedig angekommen bin. Ein wenig intoleranter gegen das Sau Leben dieser Nation als das vorigemal. Recht wunderbar ists daß ich das Tagebuch meiner vorigen Reise mitzunehmen vergeßen habe. Also meinen alten Pfaden nicht folgen kann und wieder von forne anfangen muß. Das ist indeßen auch gut. Von der Herzoginn hör und seh ich nichts. Ich habe mich eingerichtet daß ich s abwarten kann. Ich will das Wasser nest nun recht durchstören. Wie einfach und wie komplicirt sind doch alle menschliche Dinge! Ich wohne am Rialto ohngefahr 20 Häuser näher als der Scudo di Francia auf der selben Seite. Habe einen Wirth wie Musäus war und bin schon leidlich zu Hause. Meine Elegien sind wohl zu Ende, es ist gleichsam keine Spur dieser Ader mehr in mir. Dagegen bring ich euch ein Buch Epigrammen mit, die hoff ich nach dem Leben schmecken sollen. Ich wollte mehr schreiben, die Post nicht zu versäumen schließ ich. Lebt wohl. Venedig d. 3 Ap. 90. G. / Grüßt mir Augusten, er fehlt mir sehr. Hier sind tausend Sachen die er genöße und an denen ich vorbeygehen muß. Grüßt ihn. G. Schreibt mir ja. Euer Brief findet mich bey S. Corrado Reck.

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