Normalzeugnis Zeugnis
H. Steffens, Was ich erlebte (Steffens 4, 127)
Noch hatte ich so gut wie nichts gesehen, das Auge war für die Kunst geschlossen; was mir Göthe mit Freundlichkeit zeigte, konnte nur für das schon geöffnete Auge einen Werth haben. Ich seufzte, indem ich mit nordischer Redlichkeit bekannte, daß mir der Sinn für die Kunst, wie ich befürchten mußte, fehle, und dennoch durchdrang mich das Bewußtsein, daß dieser Mangel ein geistig wesentlicher war. Ich fand mich in eine andere höhere Welt versetzt, und was in dieser lebte und sich bewegte, durfte mir nicht fremd sein. Wie Himmel und Erde, Gebirge und Meer, Pflanzen und Thiere mich in der Natur sinnlich umgaben, so mußten auch alle Gestalten der geistigen Welt, in der ich zu athmen anfing, vor mir liegen und mir verwandt sein. Ich vermochte es nicht zu begreifen, wie einige sich noch so beharrlich verbargen, und ich hatte nicht gelernt, einen Enthusiasmus zu affektiren, den ich nicht empfand. Göthe tröstete mich. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, Italien zu sehen, aber er stellte die nächste Hoffnung auf Dresden. „Dort“, sagte er, „werden Sie Kunstschätze finden, die für Sie eine Vorschule bilden werden.“ Die Redlichkeit, mit welcher ich nach den Genüssen der Kunst, wie nach einem mir unbekannten Gute mich sehnte, schien ihm zu gefallen.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch