Brief

An Elisa[beth] von der Recke (30. Mai 1785)

Hochgebohrne Gräfinn gnädige Frau. Erlauben Ew Gnaden daß ich Sie schrifftlich im Carlsbad willkommen heisse, und mich nebst noch einigen Freunden anmelde, die zwar später, doch gewiß das Vergnügen haben werden Sie bey der heilsamen Quelle aufzusuchen. Mögten Sie doch indessen recht gutes Wetter haben und der besten Einflüsse zu Befestigung Ihrer Gesundheit geiessen. Von dem Befinden Ihrer hiesigen Freunde werden die früher ankommenden Ew Gnaden gute Nachricht geben können, nur wird / es Ihrem theilnehmenden Herzen wehe thun zu vernehmen, daß der braven Burgemeister Bohl in Lobeda, welche Sie in Jena kennen lernen, ein trauriger Fall begegnet ist, der die Umstände ihrer Familie gänzlich zu zerrütten Droht. Ihr Schwiegersohn Loeber ist vor kurzem gestorben und hinterlässt eine Witwe mit sieben Kindern, wovon das ältste neun Jahre das iüngste zwanzig Wochen alt ist. Tochter und Enckel fallen nun wieder, da er ohne Vermögen war, auf die Grosmutter zurück, und diese gute Frau die keinen Wunsch hatte als, bey einer sehr eingeschränckten Haushaltung, ihr Leben anständig und ehrbar zu endigen, sieht sich beynahe in die ängstliche Lage versetzt mit den ihrigen zu darben. / Ich weis daß Ew Gnaden, bey Ihrem Aufenthalte in Jena, Sich grosmütig erkundigt: ob dieser, würcklich in ihrer Art seltnen Frau irgend eine Hülfe nötig sey. Damals konnte sie mit einem ruhigen Vertrauen auf ihren Zustand sehn und mit danckbarer Beschämung Ew Gnaden Grosmuth ablehnen. Wie verschieden steht es ietzo mit ihr! Sie ist in Sorgen für diejenigen von denen sie im Alter selbst Hülfe erwarten konnte, und da sie bereit ist alles mit den ihrigen zu theilen, so kann sie leicht berechnen daß es ihnen bald allen zusammen an dem nothdürftigen fehlen werde. Unsere gnädigste Herrschafften haben sogleich der wackern Frau einen Theil ihres Kummers / weggenommen indem sie einige Kinder versorgt, nun bleibt für Freunde auch noch etwas zu thun übrig und ich glaube Ew Gnaden einen angenehmen Dienst zu erweisen wenn ich Sie davon benachrichtige. Denn ich weis daß Ihr edles Gemüth keine grössere Freude kennt, als würdigen Menschen, die das Glück verletzt, wohlzuthun, und Wunden, die das Schicksal schlägt, zu heilen. In Hoffnung bald selbst aufzuwarten, unterzeichne ich mich Hochachtungsvoll Ew Gnaden Weimar ganz gehorsamster d. 30 May Diener 1785. Goethe

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