Brief
Von Wilhelm von Humboldt (28. November 1799)
Ausführliche Beschreibung der Reise, die H. mit seiner Familie in Begleitung von G. C. Gropius durch die mittäglichen Provinzen Frankreichs und über die Pyrenäen nach Spanien führte. Erwähnung seiner Begegnung mit L. F. E. Ramond, dem Freunde von J. M. R. Lenz. Über die Basken: Nie ist mir ein Volk vorgekommen, das einen so ächt nationellen Charakter, eine sich schon dem ersten Anblick so originell ankündigende Physiognomie behalten hat. H. habe sich um die Tolosanische Sprache u. ihre verschiedenen Mundarten [...] genau bekümmert u. es wenigstens bis zum Verständniß der wenigen Dichter gebracht, die diese Sprache besitze. Über die Unterschiede und Beziehungen dieser Sprache und Literatur zur französischen. H. wolle später seine vergleichenden Bemerkungen über den verschiedenen Geist dieser Literaturen in jenen Jahrhunderten zusammenstellen. - In St. Ildefonso beschäftigte uns einen Tag lang die Antikensammlung [...]. Über den erstaunlich großen Schatz prächtiger Gemälde. Allein der Eskorial, wo man sich zehn Tage aufgehalten und den königlichen Hof getroffen habe, übertreffe bei weitem, was man gewöhnlich davon erwartet. H.s Frau werde zusammen mit Gropius von allen Gemälden Beschreibungen verfassen und sie später G. zur Verfügung stellen (vgl. "Raffaels Gemälde in Spanien", in: "Jenaische Allgemeine Literaturzeitung", 1809). Oft sei es schwierig, bis zu den Bildern vorzudringen. Stellen Sie Sich [...] vor, [...] daß sehr schöne Bilder von Rubens, von Titian, von Guido Reni hier in dunkle Kammern verwiesen sind, weil man sie unanständig findet [...]. - H. versuche, sich einen anschaulichen Begriff des Landes u. der Nation zu verschaffen. Obwohl er selten Männer von eigenen u. originellen Ideen oder Gelehrte finde, die wirklich Entdeckungen gemacht hätten, stoße er bei seinen Nachforschungen häufig auf Menschen, die sich, trotz aller wirklich unglaublichen Schwierigkeiten, zu einem hohen Grade der Aufklärung emporgearbeitet haben. - Unter den neueren spanischen Dichtern seien einige sehr gute. Erwähnung von Moratin, Meléndez Valdés, der den "Hamlet" übersetzt habe, und Quintana. Über das gegenwärtige, noch mit den Merkmalen der ersten u. rohesten Anfänge behaftete spanische Theater. Spanien müsse man so sehen, wie Europa überhaupt im 16. Jahrh. z. B. gewesen sein muß. Es herrsche mehr schlichte Einfachheit u. Natürlichkeit, als im übrigen Europa. Die Scheidewand zwischen Gebildeten und Ungebildeten, die die feinere intellektuelle Bildung errichtet, fehle. Reflexionen dazu; bei uns ist in der That eine intellektuelle Aristokratie; wer nicht zur Kaste gehört, kann auch selbst unsere leichtesten Schriftsteller kaum verstehen. - Dank für G.s Briefe vom 16. September und 28. Oktober. - Zu den Basreliefs aus Athen (vgl. RA 3, Nr. 301): Den Vergleich der in Paris befindlichen mit den Zeichnungen von J. Stuart habe L. Catel gemacht. Die Beschreibung der nach Paris gebrachten Gipsabdrücke und den Erwerb eines Abgusses habe er C. F. Tieck aufgetragen und wolle sich um letzteres auch selbst bemühen, wenn er im Frühjahr nach Paris komme. - Dank für die Aufnahme seines Aufsatzes "Über die gegenwärtige französische Bühne" in die "Propyläen" III 1. Neugier auf G.s "Mahomet", da er es immer für unmöglich gehalten habe, eine Französische Tragödie Deutsch für Deutsche zu übersetzen. Verweis auf F. W. Gotters Übersetzung von Voltaires "Alzire". - Mit Fichte gehe G. in seinem Brief nicht glimpflich genug um. Auch verzweifle ich noch nicht an der Haltbarkeit des Fichteschen Systems. Über den geringen Einfuß der Kantischen Philosophie in Spanien. - Bitte an Schiller, ihn nicht ganz zu vergessen. - Im Dezember wolle H. mit seiner Familie wieder nach Frankreich reisen. A. von Humboldt sei in Cumana in Südamerika glücklich angekommen und habe, besonders auf dem Pic de Teneriffa, bereits interessante Beobachtungen gemacht.
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Erwähnt (21)
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- Voltaire
- Tizian
- Stuart, James
- Shakespeare, William
- Reni, Guido
- Tieck, Christian Friedrich
- Gropius, Georg Christian
- Fichte, Johann Gottlieb
- Humboldt, Alexander von
- Rubens, Peter Paul
- Gotter, Friedrich Wilhelm
- Friedrich Schiller
- Humboldt, Karoline Friederike von
- Immanuel Kant
- Jakob Michael Reinhold Lenz
- Humboldt, Friedrich Wilhelm Christian Karl Ferdinand von; dessen Familie
- Ramond (R. de Carbonnières), Louis François Elisabeth
- Moratín, Leandro Fernández de
- Quintana, Manuel José
- Meléndez Valdés, Juan
- Catel, Ludwig (Louis) Friedrich
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