Brief
An Johann Jacob und Marianne von Willemer (6. Dezember 1831)
An J. J. und Mariane v. Willemer.
Das liebe Schreiben vom 17. Juli liegt mir seit jener Zeit immer vor Augen, bis ich gestern Raum fand, die schöne Beschreibung des merkwürdigen Regenbogens in meine Collectaneen eintragen zu lassen. Es ist ein sehr seltener Fall, der nur unter den mannichfaltigsten Bedingungen sich zutragen kann. Wie Sie sich denn wohl erinnern daß es hoch Mittag gewesen.
Seitdem ich Ende September von dem Nächstvergangenen einige Nachricht gegeben, habe ich mich sachte in die Winterquartiere zurückgezogen. Nun muß ich mir eine gleiche Retraite von der Mühle zur Stadt vorstellen und Sie am Fenster suchen wie Sie den lebhaften Mayn überblicken.
Ich führe mein beschäftigles Leben, wie sonst, immer fort, das mir von Zeit zu Zeit lästig und unfruchtbar und sodann wieder einmal wirksam und fröhlich erscheint und also von seiner alten Art und Sitte nicht lassen will.
Eigentlich habe wenig oder nichts meinen Freunden zu Ergötzlichkeit hervorbringen können; indessen kommt vielleicht nächstens einiges welches zugleich Dank sagt und um Verzeihung bittet.
Für die herkömmliche Freundlichkeit der musterhaften Distelköpfe habe vor allen Dingen Dank zu sagen; sie kamen, so wie wohlgemeynt, auch gerade zur rechten Zeit, und die lieben Gäste wußten nicht was sie von meiner vortrefflichen Gartenkunst denken sollten. So füll ich auch gesellige Gläser, zwar haushältisch, aber mit bestem Willen, von jenen freundlichen Frankfurter Geschenken, welches sich nicht weniger so wohl in den Thüringer Hügelgebirgen auszeichnet.
Und so erreichen wir wieder Weihnachten und Neujahr, dem alten Schlendrian des Kalenders nach, aber, wie mir dünken will, mit immer gleich neuen und frischen Freundesgesinnungen, die denn doch zuletzt allein das Leben aufrecht erhalten und fördern.
Die Meinigen sind wohl und thun mir wohl, indem sie sich, mit eigenen Charakteren und Tendenzen, an mich anschließen und, von mir gewinnend, auch mir zur Förderung und Gewinn dienen.
Fried und Freude allen Wohlwollenden,besonders denNahen Verbundenen!Und so fortan!
Weimar den 6. December 1831.
J. W. v. Goethe.
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