Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 29. September 1786
d. 29 früh.
Es hatte sich gestern Abend der ganze Himmel überzogen, ich war in Sorge es mögte Regen eintreten, den auch die WasserVögel verkündigten. Heut ists wieder herrlich Wetter. MeinPensum an der Iph. absolvirt und ich ziehe mich nun an undgehe aus. Vorher begrüß ich dich und wünsche dir einen gutenMorgen.
Michälistag Abends.
Nach einem glücklich und wohl zugebrachten Tage, ist mir’simmer eine unaussprechlich süße Empfindung wenn ich michhinsetze dir zu schreiben. Ungern verließ ich den Markus Platz da es Nacht wurde; aber die Furcht zuweit zurückzubleiben trieb mich nach Hause.
Von Venedig ist alles gesagt und gedruckt was man sagen kann,darum nur weniges wie es mir entgegen kommt. Die Haupt Ideedie sich mir wieder hier aufdringt ist wieder Volck. Große Masse! und ein nothwendiges unwillkührliches Daseyn. Dieses Geschlecht hat sich nicht zum Spaß auf diese Inseln geflüchtet,es war keine Willkühr die andre trieb sich mit ihnen zu vereinigen,es war Glück das ihre Lage so vorteilhaft machte, eswar Glück daß sie zu einer Zeit klug waren da noch die ganze nordliche Welt im Unsinn gefangen lag, ihre Vermehrung ihrReichthum war nothwendige Folge. nun drängte sichs engerund enger Sand und Sumpf ward zu Felsen unter ihren Füßen,ihre Häuser suchten die Luft, wie Bäume die geschloßen stehn,sie mußten an Höhe zu gewinnen suchen was ihnen an Breite abging, geitzig auf iede Handbreit Erde und gleich von Anfangin Enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gaßen nicht mehr breiteals Haus von Haus zu sondern und Menschen einigen Durchgangzu laßen und übrigens war ihnen das Wasser statt Straße,Plaz, Spazirgang, genug der Venetianer mußte eine neue Art von Geschöpf werden und so auch Venedig nur mit sich selbst verglichenwerden kann. Wie dem grosen Canal wohl keine Strasein der Welt sich vergleichen kann; so kann dem Raume vor demMarkus Platz wohl auch nichts an die Seite gesetzt werden. Den grosen Spiegel Wasser meyn ich der an der einen Seite von dem eigentlichen Venedig im halben Mond umfaßt ist, gegen überdie Insel St Giorgio hat, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Canal, noch weiter Rechts die Dogana und die Einfahrt inden Canal Grande. Ich will auf dem Plan von Venedig den ichbeylege zum Uberfluße Linien ziehen auf die Haupt Punkte die in das Auge fallen wenn man aus den zwey Säulen des Heil.Markus Plaze heraustritt. |: NB ich habe es unterlaßen weil esdoch kein Bild giebt :|
Ich habe das alles mit einem stillen feinen Auge betrachtet undmich dieser grosen Existenz gefreut. Nach Tische ging ich, um Stufenweiße zu schreiten, erst zu Fuße aus und warf mich ohneBegleiter, nur die Himmelsgegenden merckend ins Labyrinthder Stadt. Man denkt sichs auch nicht ohne es gesehen zu haben.Gewöhnlich kann man die Breite der Gasse mit ausgestrecktenArmen entweder ganz oder beynahe messen, in kleinern Gäßgen könnte man die Arme nicht einmal ausstrecken. Es giebt breitereStrasen, aber proportionirlich alle eng. Ich fand leicht denGrosen Canal und den Ponte Rialto. es ist ein schöner groserAnblick besonders von der Brücke herunter, da sie mit einemBogen gewölbt in die Höhe steigt. Der Canal ist gesät voll Schiffe und wimmelt von Gondeln, besonders heute da am Michaels Fest die wohlangezognen Fraun zur Kirche wallfahrteten undsich wenigstens über setzen liesen. Ich habe sehr schöne Wesenbegegnet.
Nachdem ich müde worden, setzt ich mich in eine Gondel die engen Gassen verlaßend und fuhr nun den Canal grande durch,um die Insel der Heil. Clara herum, an der Grosen Lagune hin, in den Canal der Jiudecka herein, bis gegen den M. Platz undwar nun auf einmal ein Mitherr des Adriatischen Meers, wiejeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte meines armen Vaters in Ehren, der nichts besserswußte als von diesen Dingen zu erzählen. Es ist ein groses, respecktablesWerck versammelter Menschenkraft, ein herrlichesMonument, nicht Eines Befehlenden sondern eines Volcks. und wenn ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen und stincken und ihr Handel geschwächt wird, und und ihreMacht gesuncken ist, macht dieß mir die ganze Anlage der Republickund ihr Wesen nicht um einen Augenblick weniger ehrwürdig.Sie unterliegt der Zeit wie alles was ein erscheinendesDaseyn hat.
Viel, viel wollen wir darüber schwäzen; auch worüber man hiernicht reden soll, über den Staat und seine Geheimniße, die ichalle ohne einen Verräther, recht gut zu wißen dencke.
Nun einige Bemerckungen nach Anleitung des Volckmanns. 3.Theil.
p. 509. Die Markus Kirche muß in einem Kupfer von dir gesehenwerden die Bauart ist jeden Unsinns werth der jemalsdrinne gelehrt oder getrieben worden seyn mag. ich pflege mirdie Facade zum Scherz als einen kolossalen Taschenkrebs zudencken. Wenigstens getrau ich mir irgend ein ungeheures Schaalthier nach diesen Maaßen zu bilden.
p. 513 Alte Pferde Diese kostbaren Thiere stehen hier, wieSchaafe die ihren Hirten verlohren haben. Wie sie näher zusammen,auf einem würdigern Gebäude, vor einem Triumphwagen eines Weltbeherrschers standen, mag es ein edler Anblick gewesenseyn. Doch Gott sey dank daß der kristliche Eifer sie nichtumgeschmolzen und Leuchter und Crucifixe draus gießen laßen.Mögen sie doch zu Ehren des Heil Markus hierstehn, da wir siedem Heil. Markus schuldig sind.
515 Der herzogliche Pallast , besonders die Facade nachdem Markus Platz. Das sonderbarste was der Menschen Geistglaub ich hervorgebracht hat. Mündlich mehr.
Ich habe einen Einfall den ich aber auch nur für einen Einfallgebe. Ich sage die ersten Künstler in der Baukunst scheinen die Ruinen der Alten wie sie noch halb vergraben warennachgeahmt zu haben und der Geist ihrer Nachfolger hat nunden Schutt weg geräumt und die schöne Gestalt hervor gebracht.
〈Hier eine Zeichnung, siehe Digitalisat〉
Wenn du solche Säulen siehst glaubst du nicht ein Theil stecke in der Erde und doch ist der untere Gang des herzoglichen Pallasts von solcher Taille.
p 528 Saulen auf der Piazzetta.
Beyde von Granit die eine die wohl 10 Durchmesser Höhe hatist von rothem Granit dessen Politur und Farbe sich schön erhaltenhat sie ist schlanck und reitzend, daß man sich nicht satt an ihr sehen kann
Die andre hat etwa 8 Durchmesser Höhe, mag also zur dorischenOrdnung wie jene zur kompositen gehören, sie ist von weißemGranit, der von der Zeit gelitten hat und eine Art von Schaalen,etwa einen starcken Messerrücken dik, gekriegt hat, die von aussen matt geworden ist und nun an verschiednen orten abfällt.
An der Seite der Markus Kirche nach der Piazzetta zu, stehenzwey kleinere Säulen von eben diesen Steinarten angebracht, andenen man dasselbe bemerckt.
Ausser der Markus kirche hab ich noch kein Gebäude betreten. Es giebt aussen genug zu thun, und das Volck interessirt michunendlich. Ich war heute lang auf dem Fischmarckt und sahihnen zu, wie sie mit einer unaussprechlichen Begierde, Aufmercksamkeit,Klugheit feilschten und kauften.
So ist auch das öffentliche Wesen und Weben ihrer Gerichs Plätze lustig. Da sitzen die Notaren pp ieder hat seinen Pult undschreibt, einer tritt zu ihm ihn zu fragen ein Schreiben aufsetzenzu lassen pp. Andre gehn herum pp das lebt immer mit einanderund wie nothwendich die Bettler in diesen Tableaus sind. Wirhätten auch sonst die Odyssee nicht und die Geschichte vom reichen Manne nicht. Ich sudle wieder ganz entsetzlich ichkanns aber nie erwarten daß das Wort auf dem Papier steht.
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