Normalzeugnis Zeugnis
Dichtung und Wahrheit XIV (WA I 28, 271)
Ein schönes Sommerwetter begleitete uns auf der Reise nach Ems, Lavater war heiter und allerliebst. Denn bei einer religiösen und sittlichen, keineswegs ängstlichen Richtung seines Geistes, blieb er nicht unempfindlich, wenn durch Lebensvorfälle die Gemüther munter und lustig aufgeregt wurden. Er war theilnehmend, geistreich, witzig, und mochte das Gleiche gern an andern, nur daß es innerhalb der Gränzen bliebe, die seine zarten Gesinnungen ihm vorschrieben. Wagte man sich allenfalls darüber hinaus, so pflegte er einem auf die Achsel zu klopfen, und den Verwegenen durch ein treuherziges Bisch guet! zur Sitte aufzufordern. Diese Reise gereichte mir zu mancherlei Belehrung und Belebung, die mir aber mehr in der Kenntniß seines Charakters als in der Reglung und Bildung des meinigen zu Theil ward. In Ems sah ich ihn gleich wieder von Gesellschaft aller Art umringt, und kehrte nach Frankfurt zurück, weil meine kleinen Geschäfte gerade auf der Bahn waren, so daß ich sie kaum verlassen durfte.
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