Normalzeugnis Zeugnis

Dichtung und Wahrheit III (WA I 26, 166)

Meine Leidenschaft zu dem französischen Theater wuchs mit jeder Vorstellung; ich versäumte keinen Abend, ob ich gleich jedesmal, wenn ich nach dem Schauspiel mich zur speisenden Familie an den Tisch setzte und mich gar oft nur mit einigen Resten begnügte, die stäten Vorwürfe des Vaters zu dulden hatte: das Theater sei zu gar nichts nütze, und könne zu gar nichts führen. Ich rief in solchem Falle gewöhnlich alle und jede Argumente hervor, welche den Vertheidigern des Schauspiels zur Hand sind, wenn sie in eine gleiche Noth wie die meinige gerathen. Das Laster im Glück, die Tugend im Unglück wurden zuletzt durch die poetische Gerechtigkeit wieder in’s Gleichgewicht gebracht. Die schönen Beispiele von bestraften Vergehungen, Miß Sara Sampson und der Kaufmann von London wurden sehr lebhaft von mir hervorgehoben; aber ich zog dagegen öfters den Kürzern, wenn die Schelmstreiche Scapins und dergleichen auf dem Zettel standen, und ich mir das Behagen mußte vorwerfen lassen, das man über die Betrügereien ränkevoller Knechte, und über den guten Erfolg der Thorheiten ausgelassener Jünglinge im Publicum empfinde. Beide Parteien überzeugten einander nicht; doch wurde mein Vater sehr bald mit der Bühne ausgesöhnt, als er sah, daß ich mit unglaublicher Schnelligkeit in der französischen Sprache zunahm.

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