Brief

Von Friedrich Schiller (2. Juli 1796)

Ausführliche Würdigung von "Wilhelm Meisters Lehrjahren", insbesondere des 8. Buches. S. sei durch die erstaunliche und unerhörte Mannichfaltigkeit, die darin, im eigentlichsten Sinne, versteckt ist, überwältigt [...]. Ich gestehe daß ich biß jetzt zwar die Stätigkeit, aber noch nicht die Einheit recht gefaßt habe [...]. G. müsse vorläufig mit einzelnen Bemerkungen zum Roman vorliebnehmen. Eine würdige und wahrhaft aesthetische Schätzung des ganzen Kunstwerks ist eine große Unternehmung. Ich werde ihr die nächsten 4 Monate ganz widmen und mit Freuden. Ausführlich über die Komposition und das Schicksal der Figuren, von denen allein Marianne dem Roman zum Opfer geworden sei. S. behandelt eingehend Wilhelms Verhältnis zu Therese, zu dessen Lösung er kritisch anmerkt, daß es einigermaaßen die Delicatesse gegen Natalien beleidige, daß er noch im Stand ist, ihr gegenüber den Verlust einer Therese zu beklagen. Allerdings habe auf keinem anderen Wege die Verbindung Wilhelms mit Natalie so schön und natürlich erreicht werden können. - Mignons Tod wirke sehr gewaltig und tief, allerdings verlasse ihn G. für S.s Empfinden zu rasch. Ausführliche Bemerkungen zu Mignon und ihrem Verhältnis zu ihrer Umwelt. G. habe das alles ganz außerordentlich schön dargestellt. Des weiteren Bemerkungen zur Erscheinung des Markese in der Familie, zur Catastrophe sowie zur Verdeutlichung des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen dem Harfner und Mignon. Bewunderung für G.s Kunst.

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