Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger, *Lit. Zustände 1, 23

(Den 4. Nov. 1791.) Diesen Abend wohnte ich zum erstenmal einer Sitzung der neuen gelehrten Gesellschaft bei, die sich jeden ersten Freitag im Monat bei der Herzogin Mutter versammelt ... Ihr verdanken nun seit einiger Zeit Weimars denkende Köpfe einen gemeinschaftlichen Versammlungsort in ihrem Palais. Sie ist bei diesen Sitzungen selbst, mit ihren zwei Hofdamen, die sie einst auch nach Italien begleiteten, gegenwärtig. Aber auch der regierende Herzog und dessen Gemahlin sind aufmerksame Zuhörer. Dies bringt übrigens bei den Anwesenden nicht den geringsten Zwang hervor. Jeder sitzt, wie er zu sitzen kommt, während das vorlesende Mitglied seinen Platz an einem besondern Tische einnimmt. In der Mitte des Saals steht eine große, runde Tafel, auf welche die mathematischen Instrumente, Zeichnungen, naturhistorischen Merkwürdigkeiten, deren Erwähnung geschehen soll, hingelegt werden. Ist nun eine Vorlesung vorbei, so steht Alles auf und tritt um die Tafel herum Anm. von Böttiger: Damit dazu Raum bleibe, wurden nach §. 9. der Statuten dem Präsidenten 12 Admissionsbillets zum Vertheilen übergeben., spricht, macht Einwürfe, hört und beantwortet die Fragen des Herzogs und der Herzoginnen, die nun mitten im Zirkel stehen, und nun gehts zu einer neuen Vorlesung und jeder nimmt wieder seinen Stuhl ein. Da eine Session immer drei Stunden, von Abends 5 Uhr bis 8 Uhr dauert, so würde ohne diese kleine Pausen die Zunge vom Schweigen, der Körper vom Sitzen ermüden. Die Ordnung der heutigen Sitzung war folgende: Der Präsident der Gesellschaft, der Geheime Rath v. Göthe eröffnete sie mit fortgesetzten Betrachtungen über das Farbenprisma. Er wiederholte erst ganz kurz die Resultate dessen, was er im ersten Hefte seiner Beiträge zur Optik weitläuftiger erwiesen und durch 24 kleine illuminirte Kupfertäfelchen, die dazu ausgegeben werden, veranschaulicht hat. Die Hauptsätze demonstrirte er an einer schwarzen Tafel, wo er die Figuren schon vorher angezeichnet hatte, so lichtvoll vor, daß es ein Kind hätte begreifen können. Göthe ist eben so groß als scharfsinniger Demonstrator an der Tafel, als ers als Dichter, Schauspiel und Operndirector, Naturforscher und Schriftsteller ist. Er erklärte sich hier im kleinern Zirkel grade zu gegen Newtons Farbentheorie, die durch seine Versuche ganz umgeworfen wird, und zeigte zugleich an diesem Irrthum des großen Newtons, dem nun ein Jahrhundert lang alles nachgebetet hat, sehr schön, wie Nachbeterei auch unter guten Köpfen so tief Wurzel schlagen könne. Hierauf las Herder einen trefflichen Aufsatz über die wahre Unsterblichkeit für die Nachwelt vor, den wir wahrscheinlich bald im 4ten Theil seiner zerstreuten Blätter zu lesen bekommen werden ... Auf Herdern folgte der Geheime Rath und Archivarius Voigt, der uns aus dem hiesigen an den ehrwürdigsten Documenten so reichen Archiv ein sehr merkwürdiges Diplom vorlegte und erläuterte, das der Kaiser Friedrich der Rothbarth im Jahre 1167 zu Erfurth dem Abte Ekhard im S. Georgenstifte zu Naumburg ertheilte. Erst eine historische Einleitung über den Kaiser Friedrich den Rothbarth, wobei die Sottise Albrechts des Unartigen nicht ungeahndet blieb, der seinen Sohn, Friedrich mit der Gebissenen Wange, lieber verhaftet hielt, als ihn nach Neapel schickte, die Erbschaft des unglücklichen Conradins zu empfangen. Dann über die Sache, worüber das Diplom ausgestellt wurde, nemlich den Heerschild, den aus Nachahmungssucht der weltlichen großen Fürsten nun auch Prälaten u. Äbte bei sich einzuführen, und in ihren Vasallen auch einen solchen Glanz um sich herum zu verbreiten suchten. Ferner eine kurze Geschichte der Stiftung des St. Georgenstifts bei Naumburg. Es stiftete es eine fromme Gräfin im Jahr 1099, grade wie man das Ende der Welt erwartete, eine Pfaffenlüge, um damit recht viel Ritter in die Creuzzüge zu sprengen, u. von ihnen große Schenkungen zu erhalten. Die Gräfin Mathilde ließ, da nicht bestimmt war, wo sie das Stift erbauen sollte, einen Raben fliegen; da wo er sich niederließ, wurde der Bau angefangen. Hier webte Voigt, um diese historische Wildniß etwas reizender zu machen, ein kleines selbstverfertigtes Gedicht ein, worinn er sehr komisch das Krächzen des hungrigen Raben mit dem Kirchengeplerr der nachmaligen an diesem Orte hausenden Klosterbrüder verglich. Darauf las er eine Übersetzung des in lateinischer Sprache, wie damals noch durchaus gewöhnlich war, gefertigten Diploms, erklärte das Siegel u. machte einige kennerhafte Bemerkungen über das Siegelwachs (wovon er ein Stückchen dem Bergrath Buchholz, unserm großen Chymikus, zur Untersuchung gegeben hatte) theilte Aufschlüsse über das unten befindliche Monogramm mit (diese Gewohnheit stammt von Carl dem Großen, der nicht schreiben konnte) und über andere Merkwürdigkeiten in der äußern Form des Diploms mit. Während deßen ging das Diplom in dem Zirkel der Zuhörer herum, wo denn ein Jeder mit einem Blick alles vergleichen konnte. Nach Beendigung dieser Vorlesung ließ sich der Herzog über sein Archiv noch manches von Voigten sagen, und wir Umstehenden erfuhren dabei manches, was man sonst nur dem Fürsten sagt. Die älteste Urkunde des hiesigen Archivs ist von Kaiser Otto II. Hierauf las der Professor der Botanik, D. Bartsch als Ehrenmitglied, eine sehr sachreiche Abhandlung vom Schiffsbote, oder dem Nautilus, und einer kleinen Schnecke, die im Meeressand gefunden, und erst durchs Mikroskop deutlich wird, mit Hinsicht auf größere u. kleinere Petrefacten und gewisse Resultate vor, die daraus von der jetzigen Bildung der Erde und ihrer frühern Gestalt, ehe sie vom Ocean verlassen wurde, nothwendig folgen. Während der Vorlesung giengen sehr schöne Exemplare von Nautilus und der kleinen Schnecke auf silbern Präsentirtellern im Zirkel herum. Auch hierüber wurde nach dem Ende der Vorlesung vieles gesprochen. Herder fand Bestätigung seiner im ersten Theil seiner Ideen zur Geschichte der Menschheit vorgetragenen Hypothese. Es war mir aber vorzüglich interessant, ein Gespräch des alten, ehrwürdigen Hofrath Büttners aus Jena, der auch zugegen war, mitanzuhören, worinnen er uns seine Ideen von der Urwelt und dem Zurücktreten des Ozeans, so weit es seine Ideenfülle und die daraus entspringende Weitschweifigkeit erlaubte, mittheilte. Nun zeigte der M. Lenz, der jetzige Inspector der Kunstkammer und des Naturalienkabinets in Jena, eine Reihe Intestinalwürmer in Spiritus, die er selbst aus den Eingeweiden vieler Thiere hervorgesucht und präparirt hatte. Unter andern war auch ein Exemplar des Blasenwurms dabei, aus welchem das bekannte Drehen der Schaafe entsteht. Dieser Lenz ist ein sehr unermüdeter Naturforscher. Er hat besonders in der Helminthologie seltne Kenntnisse und zeigte uns hier verschiedene Gattungen, die Götze in seinem schönen Werke über die Eingeweidewürmer noch nicht aufführt. Er soll auf 30 neue Gattungen entdeckt haben. Am Ende wurde noch eine artige Entdeckung mitgetheilt, die der Hofmedicus Hufeland von der Wirkung des Lichtes an einem im Rahmen gefaßten Schattenriß des Herzogs gemacht hatte. Es war indessen schon spät geworden, und da es stark auf 9 Uhr ging, mußten einige Vorlesungen z. B. die des Legationsraths Bertuch, der uns über die Farbentinten der Japaner und Chinesen unterhalten wollte, auf die künftige Sitzung verschoben bleiben.

Bezüge im Wissensnetz

Teil von (2)

GZP-Knowledge-Graph

Hat Sprache (1)

GZP-Knowledge-Graph
  • Deutsch

Fand statt in (1)

GZP-Knowledge-Graph

Geschaffen von (1)

GZP-Knowledge-Graph
Cookie-Einstellungen