Brief
Von Wilhelm von Humboldt (9. Februar 1796)
H. beantworte G.s Brief so spät, weil er den Auftrag seines Bruders, G. ein kleines Manuscript über den Galvanismus zuzuschicken, erst jetzt erfüllen könne. - Von H.s Ergehen im Sommer und Herbst auf dem Lande und seit Weihnachten in Berlin. - Über den 3. Band von "Wilhelm Meisters Lehrjahren": Das 6. Buch bilde mit seinen einfachen Begebenheiten und seinem Reichtum an tiefen u. feinen Bemerkungen einen schönen Kontrast zum lebhaft-mannigfaltigen 5. Buch. Obwohl H. fast von keiner Seite mit dem Subjecte zu sympathisiren vermöge, das G. geschildert habe, bewundere er dennoch die Kunst, mit der G. diesen so schwierigen Charakter so schön angelegt u. so glücklich durchgeführt habe. Er sei sehr neugierig, wie G. die bis jetzt geschürzten Knoten wieder auflösen werde. - Über G.s "Märchen" sei er häufig um eine Erklärung gebeten worden. H. entwickelt einen sehr ausführlichen Versuch, die Gattung des Mährchens scharf zu bestimmen. Der natürlichen Erzählung ( Roman, Novelle u.s.f.) stellt H. die abentheuerliche, das Märchen, sofern es nicht Ausdruck eines gedachten Satzes, also nicht Fabel oder Allegorie, seyn soll, gegenüber. Charakterisierung dessen, was H. unter einer natürlichen Erzählung und unter einem Märchen verstehe. Es könne niemand wahren Sinn für diese Gattung haben, als wer gestimmt ist, die Form bloß um der Form willen zu lieben. Deshalb könnten sich Regeln, nach welchen die Güte der Gattung geprüft werden müsse, nur auf zwei Punkte beziehen 1., auf die reine Darstellung der Form der Phantasie 2., auf die Beimischung des Objectiven, wodurch jene Form erst einen Körper erhält. Ausführliche Erläuterungen der beiden Kriterien: Die Phantasie müsse mehr als bei jeder andern Dichtungsart frei seyn, da sie bei allen Menschen der Empfindung oder dem Verstande diene. Sie müsse bemüht sein, diese Freiheit an einem Objecte darzustellen und nicht ein Object in dieser Freiheit darstellen wollen. Zum 2. Punkt: Der Märchendichter gehe darauf aus, von der Wahrheit des Unmöglichen überzeugt zu scheinen, ohne doch im Ernst andre überzeugen zu wollen. Daraus entstehe das Naive bzw. Burleske der Gattung. - H. wolle im Frühjahr 1797 mit seiner Familie nach Rom reisen und hoffe, dort J. H. Meyer zu treffen. - Die von Schiller in G.s Auftrag bestellten 6 Fäßchen Caviar werde H. direkt an G. senden lassen. Den von G. erbetenen Preiskatalog der Berliner Kupferstichauktion könne H. nicht schicken, weil die Auktion bei Empfang von G.s Brief bereits vorbei gewesen sei.
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Weitere Quellen- Brief und Korrespondenz