Normalzeugnis Zeugnis

Caroline Riemer, Eintragung in Riemers Tagebuch vom 31. 3. 1825 (JSK 4, 37)

Einige Jahre nach Goethes Ankunft in Weimar stellte er für die Kinder seiner Bekannten in weiter Ausdehnung ein Eiersuchen an, das meistens im Freien an der sogenannten Schnecke gehalten wurde, die auf dem freien Platz am Eingange des Parkes stand und aus zwei kolossalen Linden gebildet war, die ein Gebäude überzogen, auf dessen aufsteigenden Doppelgängen man sich nie begegnete. Bei plötzlich eingetretenem Regenwetter wurde das Fest im Theatergebäude gehalten, was jedoch nur selten geschah. Entweder waren die Frühlinge damals wärmer und zeitiger als jetzt, oder, was wahrscheinlicher ist, das Fest der roten Eier fand nach Ostern, vermutlich um Himmelfahrt statt, denn immer grünten die Linden und die Hecke um die Schnecke, auch konnte die Gesellschaft einiger Eltern der Kinder und anderer Freunde Goethes im Freien stundenlang ausdauern. Die Familie Herder fehlte nie dabei. Die Mutter hatte eine besondere Gabe, die Kinder an sich zu ziehen, sie durch Erzählungen und Märchen zu unterhalten, ihre Spiele zu leiten, sie war also hier ganz an ihrem Platze. Die in allen Farben prangenden Eier waren an zwei Orten in den Hecken verteilt, niedriger für die kleinen, höher für die größeren Kinder. Das Nest mit dem die Eier legenden Hasen, hier aus Zuckerteig geformt, fehlte nie. Wie jubelte der oder die, welche es fanden! Pyramidenartige Erhöhungen der geschnittenen Hecken waren mit Bratwürsten und ähnlichen eßbaren Dingen behangen. Danach sprangen die größern Knaben, die sich bei dem Wettlauf die Gänge der Schnecke herab, später mit den übrigen munter erwiesen. Nach geendigtem Eiersuchen wurden die Kinder mit Backwerk, Mandelmilch, Himbeersaft und ähnlichen erfrischenden Getränken bewirtet. Spiele jeder Art wurden auf der nahen Wiese und im engeren Kreis des Schneckenbezirks getrieben. Erst mit einbrechender Nacht zog die frohe Schar heim, im voraus sich auf die Wiederholung im nächsten Frühling freuend. Es geschah dies eine Reihe von Jahren fort, bis endlich irgendein Grund Goethe veranlaßte, das fragliche Kinderfest nicht länger zu halten. Zusatz Riemers: Er hielt es noch den 31. März 1825, wobei Bruno war und die meisten Eier fand. Auch in den ersten Jahren meines Hierseins weiß ich, daß es geschah; Rinaldo Vulpius suchte die Eier im Hausgarten.

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