Brief

An Johann Jacob und Marianne von Willemer (29. Juni 1827)

An. J. J. und Marianne v. Willemer. In dem Augenblicke da mir die Berliner Zeitung die beste Aufnahme Ihres Günstlings vermeldet und das anmuthigste Lob dieser von Natur begünstigten und durch treue Kunst gebildeten Sängerin überliefert, ersucht mich das werthe Eberweinsche Ehepaar um ein Schreiben nach Frankfurt, wohin ich ihm schon früher ein unbenutztes mitgegeben hatte. Zwar thäte ich es gern zu jeder andern Zeit, jetzo aber seh ich mich wider Willen dieses werthen Paares beraubt; es war von jeher das Fundament, worauf meine musicalischen Hausübungen beruhten, und ich hoffte bey Ankunft der erwarteten Künstlerin abermals auf dessen gefälliges Mitwirken. Nun aber will ich ihnen gönnen, daß sie meine Lieben am Mayn an schönen Abendstunden besuchen und eine Ahnung fühlen mögen des Glücks das ich dort während herrlicher Tageszeiten genossen. Möge auch Ihnen die Erinnerung daran recht voll und reichlich zurückkehren, wenn Sie einiges aus dem Divan vortragen hören, besonders wünschte ich, daß die Feuchten Schwingen recht freundlich um Ihre Ohren säuselten. Übrigens ruht nun jetzt die wahre Sommerstille um uns her; die fürstlichen Personen haben sich entfernt, das Theater ist zerstreut und Ihre liebe Schülerin findet uns zwar einsam, aber auch desto weniger gehindert, ihr, wenigstens von unsrer Seite, freundlich und gefällig zu seyn. Möge auch Ihren lieblichen Wohnort eine heitere Sommerzeit, die sich erfreulicher als bisher anzukündigen scheint, diese Tage behaglich umgeben. treu angehörigJ. W. v. Goethe. Weimar den 29. Juni 1827.

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