Normalzeugnis Zeugnis
An J. F. v. Fritsch 12. 3. 1790 (WA IV 9, 188)
Ich müßte ein Buch Papier verschreiben, wenn ich alles was mir in diesen Tagen vorgekommen, und vertraut worden ist aufzeichnen wollte. Denn leider ist das gegenwärtige Geschwür nicht die Kranckheit, sondern die Anzeige eines tiefer liegenden complicirten Übels ...
Die jungen Studirenden waren äusserst aufgebracht und vielleicht war es nötig sie an jenem Abend durch feyerliche Zusage der eklatantesten Satisfaction worauf sie jetzt bestehen zu begütigen, man hat sich aber freylich dadurch kompromittirt und ihre Prätensionen hochgespannt.
Ich kann Ew. Exzellenz im Vertrauen sagen daß Hofr. Loder in diesem Falle zu seyn scheint, ob ich gleich auch gestehen muß daß er diese Tage seinen ganzen Einfluß gebraucht hat um die jungen Leute ins Gleis zu bringen, der Prorecktor Chr. G. Schütz, ich selbst haben auf eine schickliche Weise ihnen zuzureden gesucht, man hätte auch wahrscheinlich reüissirt wenn nicht (und wie sogar verlauten will, dem ich jedoch wie hundert andern Sagen keinen Glauben beimeße, von Professoren selbst) die jungen Leute aufs neue aufgehetzt und sie mit Gründen gegen unsere Vorstellungen unterstützt worden wären.
Ohngeachtet alles dieses hätte ich heute früh einen entscheidenden Schritt gethan und die Bentheimische Sentenz exequiren lassen, wenn nicht Griesbach selbst, der bißher und noch gestern Nacht halb zwölfe standhafter Gesinnungen war, nun sich auch, ganz wieder Erwarten, auf jene Seite geneigt hätte, welche sich zu sehr für den Studenten zu fürchten scheint ...
Überhaupt habe ich in diesen wenigen Tagen eine Verwicklung von Personen, Leidenschaften, Umständen und Zufällen auseinander zu setzen und mir deutlich zu machen gehabt um nicht falsche Schritte zu thun, daß ich keinen Augenblick zur Ruhe gekommen bin ... Schon die erste Session war so stürmisch indem Bentheim mit wenigem Menagement allen seinen Griefs gegen Lodern Luft ließ und ich viel zu thun hatte sie a l’ordre du jour zurückzubringen und den Faden durch das Labyrinth so vieler Mißverhältnisse fest zu halten. Nachher habe ich alles diskursive tracktirt, und das beste ist in einzelnen Gesprächen oder Nachtische ausgemacht worden.
Ich fand bey meiner Ankunft die Acten der Mil. Gerichte instruirt, die Sentenz gefällt und mein ganzes Geschäft bestand in Negotiationen ob es räthlich und thulich sey die Sentenz zu exequiren oder die Entscheidung ins weitere zu spielen.
So eben verläßt mich der Prorecktor und die Sache scheint eine nicht ganz ungünstige Wendung zu nehmen. Er hat die laesos gesprochen, die sich sehr artig bezeigt, für die bißherigen Bemühungen gedanckt, auch für ihre Personen versichert haben: „daß sie geneigt seyen nachzugeben, allein sie seyen nicht im Stande, ohne die Menge gegen sich selbst aufzuhetzen, gegen dieselbe diese Gesinnungen zu äussern, da man von Seiten der Commission, der Akademie, der Militairgerichte, glaubte das mögliche gethan zu haben, so bäten sie daß man ihnen erlauben möchte sich mit ihrer Beschwerde an Serenissimum unmittelbar zu wenden und ihm die ganze Sache in die Hände zu legen. Sie bäten nur um Sicherheit gegen das Militare biß zu Austrag der Sache.“ ...
Bentheim gesteht im Vertrauen selbst: daß wenn es seine eignen Leute gewesen wären er strenger verfahren hätte ...
Den wunderlichen Vorfall beym Militar daß die Jäger im Begriff waren auszutreten wird Lieutenant Trütschler erzählt haben. Der gute Major war ganz ausser sich. Gestern Abend fingen zwey Jäger an zu wetzen, die Wache ging nach ihnen fand sie nicht, Studenten arretirten sie und brachten sie dem Capitain ins Hauß ...
Es hatte sich unter den Jägern die Sage verbreitet als wenn sie mit harter Leibesstrafe angesehen werden sollten. Sie versammelten sich also, kamen Haufenweis zum Hauptmann, baten um Erlaubniß nach Weimar gehen zu dürfen, andre kamen zum Major, andre hatten sich schon wie man sagte auf den Weg nach Weimar gemacht, ich war im Begriff Ew. Exzellenz einen reitenden Boten zu schicken, als alles wieder bald im Gleise war. Der alte Major war außer sich, Trütschler betreten und ich im Moment dieser Gährung für die gelindesten Mittel und für die gelindeste Art die Sache anzusehn. Heute bey der Parade hat der Hauptmann die Leute im Schloßhof einen Kreis schließen laßen und sie haranguirt, auch ist alles ruhig. Der Lieutenant ist hinüber um mündlichen Rapport abzustatten, den Major habe ich ersucht nichts davon zu melden und versprochen die allenfalsige Verantwortung über mich zu nehmen. In diesen Momenten ist Gelindigkeit und Festigkeit nötig, um nicht alles durcheinander zu werfen.
So eben geht Rupprecht ein Franckfurter, der Masaniello dieses Moments von mir. Er kam wohl geputzt mir in dem Nahmen aller Beleidigten, Verletzten und Interessirten für die Mühe zu dancken die ich mir hätte in ihrer Angelegenheit nehmen wollen. Sie erkannten daß meine Absicht gewesen sey ihnen Genugthuung zu verschaffen, daß es aber nicht an mir sondern an den Umständen gelegen habe daß sie bißher nicht hätten befriedigt werden können, sie hätten sich deßwegen den Weg an Sereniss. zu gehen vorgenommen pp.
Was sagen Ew. Exzellenz zu dieser Manier? Ich sagte ihm was ich in dem Augenblicke dienlich hielt und entließ ihn.
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