Normalzeugnis Zeugnis
F. W. B. v. Ramdohr an Böttiger 19. (?) 9. 1794 (GJb 1, 316)
Ich hatte mir fest vorgenommen, gestern Morgen zu Ihnen zu kommen. Um 8 Uhr war ich zu Krause bestellt, um 10 Uhr zu Göthe, um 11 Uhr zur Gräfin Bernstorff. Wohl! sagte ich mir: um 1 Uhr fährst du erst weg, also findest du gewiss eine Stunde für den lieben Böttiger. Inzwischen l’homme propose, mais Dieu dispose. Ich komme zu Göthe, finde ihn erst gesprächig, bald darauf interessant von Seiten des Kopfs, und endlich gar zutraulich und herzlich. – Das böse Gewissen wird bei mir wach! Du hast dem Manne Unrecht gethan, sag’ ich mir. Er spielt nicht den Minister, nicht den Sonderling: es ist Folge der ersten Erziehung, es ist Mistrauen gegen sich und andere, die ihm Anfangs das kalte, stolze Ansehen geben. – Wir sehen schöne Zeichnungen, Gemälde, Ueberbleibsel des Alterthums. Zu ihrem innern Werthe gesellt sich das Andenken an Italien. Ich werde warm, entzückt, begeistert. Die Glocke schlägt 11 Uhr, ich muss zur Gräfin Bernstorff. – So ungern ich mich losreisse, ich muss zur Gräfin Bernstorff, Herr Geheimer Rath. – Da gehen Sie und kommen wieder: ich habe noch einige Sachen, die Sie interessieren werden. – Ich expediere meine Gräfin Bernstorff in 10 Minuten – und wieder hin zu Göthe. Ich war in der festen Meinung, als ich Abschied von ihm genommen hatte, es sei 12 Uhr – es war 1 Uhr vorbei. – Ich beeile mich zugleich bei dieser Gelegenheit das Urtheil zurückzunehmen, welches ich übereilt über Göthen gefällt hatte. Ich habe es ihm selbst gesagt, dass ich ihn verkannt hätte.
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