Normalzeugnis Zeugnis
J. H. W. Tischbein an Lavater 9. 12. 1786 (SchrGG 16, 364)
Sie haben in allem recht, was Sie von Goethe sagten. Das ist gewiss einer der Vortrefligsten Menschen die man sehen kann. Stellen Sie sich meine Unbeschreiblige Freude für welche ich vor einigen Wochen hatt, Goethe kam mir unverhofft hierher, und jez wohnet er in meiner Stube neben mir, ich genüsse also von des Morgens bis zur Nacht den Umgang diesses so seidenen Klugen Mannes, was das nun für Vergnügen für mich ist könen Sie sich leicht denken in dem Sie Goethens Werth und meine Hochachtung gegen grose Männer kenen. Lieber bester Lavater könte ich Sie hier auch ein Mahl sehen, auf denen Ruinen wo vordiesem so grose Thaten geschahen, scheind ein lebenter Mann erst recht gros, es ist als erkente man ihn besser. Goethe ist ein Werckliger Mann, wie ich in meinen ausschweifenten Gedancken ihn zu sehen mir wünschte. Ich habe sein Porträt angefangen, und werde es in Lebensgröse machen, wie er auf denen Ruinen sizet und über das Schicksaal der Menschligen Wercke nachdencket – Under allen Versprechungen die ich Ihnen gethan, und nicht volbracht habe, soll diesses aber gewiss geschehen, das ich Ihnen sein Porträt bestirnt gezeichnet schicke. sein Gesicht will ich recht genau und wahr nach zeichen. Den man kan wohl keinen glückligern und austrucksvolleren Kopf sehen. Goethe war mir durch Ihnen und seinen anderen Freunde schon zimlig bekandt, durch die vielen Beschreibungen welche ich von ihm machen hörte, und habe ihn eben so gefunten wie ich mir ihn dachte. Nur die grose Geseztheit und Ruhe, hätte ich mir in dem lebhafften empfinder nicht dencken könen, und das er sich in allen Fällen so bekandt und zu Hause findet. Was mir noch so sehr an Ihm freudt ist sein einfaches Leben. Er begerthe von mir ein Klein Stüpgen wo er in Schlaffen und ungehindert in arbeiten könte, und ein ganzes einfaches Essen, das ich ihm den leicht verschaffen konte, weil er mit so wenigem begnügt ist. Da sizet er nun jezo und arbeitet des Morgens an seiner Efigenia ferdig zu machen, bis um 9 Uhr, den gehet er aus und siehet die grosen hiesigen Kunstwercke. Mit was für einem Auge und Kendtnis er alles siehet werden Sie sich leicht dencken könen in dem Sie wissen wie Wahr er denckt. Er last sich wenig von denen grosen Welt Menschen stehren, giebt und nimt keinen Besuch auser von Künstler an. Man wolte ihm eine Ehre an thun, was man denen grosen Dichter die vor ihm hir waren gethan hatt, er verbath sich es aber, und schüzte den Zeit Verlust vor, und wante auf eine höflige Arth den Schein von Eitelkeit von sich ab. Das Ihm gewis eben so viel Ehre macht als wen er wercklig auf dem Capitol gekrönet worten wehre. Ich freue mich das ich jezo lebe des Goethens und Lavaters wegen.
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