Normalzeugnis Zeugnis

Wieland an Merck 27. 8. 1778 (Wagner2 S. 158)

Verwichenen Sonnabend fuhren wir zu Göthen, der die Herzogin auf den Abend in seinen Garten eingeladen hatte, um sie mit allen den Poëmen, die er in ihrer Abwesenheit an den Ufern der Ilm zu Stande gebracht, zu regalieren. Wir speiseten in einer gar holden kleinen Einsideley, und da fand sich, daß casu quodam der siebente Stuhl an einer Tafelrunde, woran wir saßen, leer war. Dies brachte in allen einmüthig den Wunsch hervor, daß es der deinige seyn möchte; und da wir denn doch nicht Enthusiasten genug sind, uns einzubilden, daß du würklich dasitzest, so thaten wir uns, jedes nach seiner Weise, desto mehr mit der Erinnerung der Tage und Stunden, die wir mit dir gelebt hatten, und mit der Hoffnung, daß du mit der Frau Aja kommenden Winter oder Frühling zu uns kommen werdest, eine Güte. Göthen besonders wurde gar wohl um’s Herz, die Herzogin so von dir reden zu hören, wie Eine, die den Werth der ganzen Total-Summe deiner Individualität fühlt. Wir tranken auf deine und Frau Ajas und Freund Bölling, des Kornhändlers, Gesundheit eine Flasche Johannisberger 60er aus, und wie wir nun aufgestanden waren und die Thüre öfneten, siehe, da stellte sich uns, durch geheime Anstalt des Archi-Magus, ein Anblick dar, der mehr einer realisirten dichterischen vision als einer Naturscene ähnlich sah. Das ganze Ufer der Ilm, ganz in Rembrands Geschmack, beleuchtet – ein wunderbares Zaubergemisch von Hell und Dunkel, das im Ganzen einen Effect machte, der über allen Ausdruck geht. Die Herzogin war davon entzückt, wie wir alle. Als wir die kleine Treppe der Einsideley herabstiegen und zwischen den Felsenstücken und Buschwerken längs der Ilm gegen die Brücke, die diesen Plaz mit einer Ecke des Sterns verbindet, hingiengen, zerfiel die ganze Vision nach und nach in eine Menge kleiner Rembrandtischer Nachtstücke, die man ewig hätte vor sich sehen mögen, und die nun durch die dazwischen herumwandelnden Personen ein Leben und ein Wunderbares bekamen, das für meine poetische Wenigkeit gar was Herrliches war. Ich hätte Göthen vor Liebe fressen mögen.

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