Normalzeugnis Zeugnis

Campagne in Frankreich. November 1792 (WA I 33, 171)

Als ich nun die Abfahrt jener kranken und ermüdeten Reiter eifrig betreiben sah, ergriff mich gleichfalls das Gefühl, es sei wohl am besten gethan einen Ausweg auf dem Wasser zu suchen. Sehr ungern ließ ich meine Chaise zurück, die man mir aber nach Coblenz nachzusenden versprach, und miethete ein einmänniges Boot ... Zu dieser Fahrt gesellte sich ein preußischer Officier L. v. Rath?, den ich als alten Bekannten aufnahm, dessen ich mich als Pagen gar wohl erinnerte und dem seine Hofzeit noch gar deutlich vorschwebte; wie er mir denn gewöhnlich den Kaffee wollte präsentirt haben ... Wir landeten bei einem artigen Wirthshause, wo uns eine alte Wirthin wohl empfing, manches erduldete Ungemach beklagte, den Emigrirten aber besonders alles Böse gönnte. Sie habe, sagte sie, an ihrem Wirthstische gar oft mit Grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen Menschen das liebe Brot kugel- und brockenweise sich an den Kopf geworfen, so daß sie und ihre Mägde es nachher mit Thränen zusammengekehrt. Und so ging es mit gutem Glück und Muth immer weiter hinab bis zur Dämmerung, da wir uns denn aber in das mäandrische Flußgewinde, wie es sich gegen die Höhen von Montreal herandrängt, verschlungen sahen. Nun überfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster; eingeengt wußten wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm, bisher schon ruckweise verkündigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach; bald schwoll der Strom im Gegenwinde, bald wechselten abprallende Windstöße niederstürzend mit wüthendem Sausen; eine Welle nach der andern schlug über den Kahn, wir fühlten uns durchnäßt. Der Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Noth schien immer größer, je länger sie dauerte, und der Drang war auf’s höchste gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er sei noch wohin er steuern solle. Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefaßt, wir schwebten in der tiefsten Finsterniß, nur manchmal wollte mir scheinen, daß Massen über mir doch noch etwas dunkler als der verfinsterte Himmel sich dem Auge bemerklich machten; dieß gewährte jedoch wenig Trost und Hoffnung, zwischen Land und Fels eingeschlossen zu sein drang sich immer ängstlicher auf. Und so wurden wir im Stockfinstern lange hin- und hergeworfen, bis sich endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung aufthat. Nun ward nach Möglichkeit drauf los gesteuert und gerudert, wobei sich Paul nach Kräften thätig erwies. Endlich stiegen wir in Trarbach glücklich an’s Land, wo man uns in einem leidlichen Gasthofe Henne mit Reis alsobald anbot. Ein angesehener Kaufmann L. Böcking aber, die Landung von Fremden in so tiefer stürmischer Nacht vernehmend, nöthigte uns in sein Haus, wo wir bei hellem Kerzenschein, in wohlgeschmückten Zimmern, englische schwarze Kunstblätter in Rahm und Glas gar zierlich aufgehangen mit Freude, ja mit Rührung, gegen die kurz vorher erduldeten finsteren Gefährlichkeiten, begrüßend erblickten. Herr und Frau, noch junge Leute, beeiferten sich uns gütlich zu thun; wir genossen des köstlichsten Moselweins, an dem sich mein Gefährte, der eine Wiederherstellung freilich am nöthigsten haben mochte, besonders erquickte. Paul gestand, daß er schon Rock und Stiefel ausgezogen, um, wenn wir scheitern sollten, uns durch Schwimmen zu erretten; wobei er sich denn freilich nur allein möchte durchgebracht haben. Kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Der freundliche Wirth wollte uns nicht entlassen, sondern verlangte vielmehr, wir sollten den morgenden Tag noch zugeben, versprach auch von einer benachbarten Höhe die weiteste schönste Aussicht über ein bedeutend Gelände und manches andere was uns zur Erquickung und Zerstreuung hätte dienen können. Aber es ist wunderbar: wie sich der Mensch an ruhige Zustände gewöhnt und in denselben verharren mag, so gibt es auch eine Gewöhnung zum Unruhigen; es war in mir die Nöthigung zu einem rollenden Forteilen, der ich nicht gebieten konnte. Als wir daher fortzueilen im Begriff standen, nöthigte uns der wackere Mann noch zwei Matratzen auf, damit wir im Schiff wenigstens einige Bequemlichkeit hätten: die Frau gab solche nicht gerne her, welches ihr, da der Barchent neu und schön, gar nicht zu verdenken war.

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