Brief
An Caroline Herder (4. und 5. Mai 1790)
Venedig d. 4 May 90.
Ihr Brief vom 19 Apr liebe Frau ist mir gestern in die Hände gekommen, es war das erste was ich von Ihnen sah, nun wird auch mein Blat mit den Epigrammen angekommen seyn und ihr werdet daraus gesehen haben daß ich nicht ganz müßig war. Das Büchlein ist schon auf 100 Epigramme angewachsen, Wahrscheinlich giebt mir diese Reise noch eins und das andre. Ich bedaure sehr daß der Mann kranck und unbehäglich ist nur ein Paar Zeilen von seiner Hand hätten mich sehr erfreut. Ich kann nicht läugnen daß manchmal diesen Monat über sich die Ungeduld meiner bemächtigen wollte, ich habe aber auch gesehen, gelesen, gedacht, gedichtet wie sonst nicht in einem Jahr wenn die Nähe der Freunde und des guten Schatzes mich ganz behaglich und vergnügt macht. Seit acht Tagen ist sehr schön Wetter, nur das Grüne fehlt hier dem Frühling.
Der alte Zucchi beträgt sich sehr freundschaft. gegen mich. Er hält mir Vorlesungen über den Addreß Calender und erklärt mir die wunderliche Constitution dieses Staats, indeß ich die / Venetianische Geschichte durchlaufe. An Gemälden habe ich mich fast kranck gesehen und würcklich eine Woche pausiren müßen.
Durch einen sonderbar glücklichen Zufall daß Götze zum Scherz auf dem Judenkirchhof ein Stück Thierschädel aufhebt und ein Späßchen macht als wenn er mir einen Judenkopf präsentirte, bin ich einen großen Schritt in der Erklärung der Thier-Bildung vorwärts gekommen. Nun steh ich wieder vor einer andern Pforte biß mir auch dazu das Glück den Schlüßel reicht. Die Meer Ungeheuer habe ich auch nicht versäumt zu betrachten und habe auch an ihnen einige schöne Bemerckungen gemacht. Sobald ich nach Hause komme fange ich an zu schreiben und hoffe daß unterm Schreiben sich mir noch manches darbieten soll. Von anderem Fleiß und Unfleiß von Abentheuern, Launen und derg. muß das Epigrammatische Büchlein dereinst das mehrere zeugen.
Knebels Lage betrübt auch mich. Sie würde euch noch mehr betrüben wenn ihr das Ganze innre von der Sache wüßtet das ich aber nicht entdecken kann. Ich habe nach meiner / Uberzeugung gehandelt und gewiß mehr als einmal seine Zufriedenheit zu bewircken ernstliche Plane gemacht. Es war aber nicht möglich sie zu vollführen. Was noch zu thun ist will ich immer gern thun.
Die Herzoginn erwarte ich in einigen Tagen. Was sie interessiren kann hat sie bald gesehen und auf Neapel kann Venedig nicht schmecken. Vor Pfingsten hoffe ich, kommen wir hier weg und sind in dem halben Juni zu Hause. Meine Gesinnungen sind häuslicher als Sie dencken.
Weit und schön ist die Welt, doch o! wie danck ich dem Himmel
Dass ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört.
Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?
Ehre bringts ihm und Glük wenn er sein Gärtchen besorgt.
══
Grüßen Sie den Mann herzlich und die Kinder. An August liegt ein Blätchen bey. Wenn Sie mir auf diesen Brief bald etwas sagen wollen, so schicken Sie es auf Trent Poste restante. /
Ich dancke Ihnen für die Inlage die Sie mir schickten, sie enthielt die Nachricht daß mein Kleiner wieder besser ist, er war 14 Tage sehr übel, es hat mich sehr beunruhigt ich bin daran noch nicht gewohnt.
Daß Sie aber in Ihrem Briefe, meine liebe, die hohen Trümmern und Künste herunter setzen und uns dafür Fleis, Mühe und Noth anpreisen soll als eine Hausfrauen Laune verziehen werden. Diese drey letzten allerliebsten Schwestern sind freylich des Menschen Gefährten, aber warum soll man nicht alles verehren was das Gemüth erhebt und uns durchs mühselige Leben hindurchhilft. Wenn ihr das Salz wegwerft womit soll man salzen.
d. 5. May.
Meyer ist eben angekommen und sagt die Herzoginn werde Morgen hier seyn, ich schließe den Brief nicht eher als biß sie angelangt ist. Die Gegenwart des alten auferstandnen Schweizers macht mir die größte Freude. Nun kann ich hoffen daß ihn das Schicksal erhält und in ihm auch für mich eine schöne Zierde des Lebens.
d. 7 May.
Gestern Abend ist die Herzoginn gesund hier angekommen. Gesund ist alles ihr Gefolge. Büri ist auch mit hier. Lebt wohl.
Lange bleiben wir nicht aus
G.
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