Brief

An Carl Friedrich Zelter (16. Dezember 1807)

Erst konnte ich, mein Bester, von Ihnen nicht genug verlangen, erbat mir bald dieses bald jenes, ich plagte Sie mit meinen Comissionen, da Sie ohne hin genug zu thun haben; und da nun alles ange kommen ist, Gesänge, Preiscurrant, Rübchen: so mache ich’s wie die erhörten Beter und wende mich ohne weiteren Dank von dem Geber zu den Gaben. Ich will das nicht entschuldigen, denn zu ein paar Zeilen an einen Freund gäbe es immer Zeit; allein ich bin seit meiner Rückreise aus dem Carlsbad so wunderlich von der Gegenwart geklemmt worden, als wenn ich für jene vier Monate, die ich wie ein abgeschiedener Gymnosophist auf ungetrübter Berges höhe zugebracht, wieder büßen sollte. Zwar ist mir nichts unangenehmes wieder fahren; doch drängte sich so manches Liebes und Unliebes heran, daß meine Kräfte, weder physisch noch moralisch recht ausreichen wollten. Endlich dachte ich auch die zweyte Sendung meiner Werke an Sie abgehen zu lassen; sie ist aber bey mir selbst noch nicht angekommen, nicht einmal in voll ständigen Aushängebogen, sonst hätte ich die einst weilen geschickt, insofern sie etwas Neues ent halten. Mein kleines Singechor, das freylich noch kaum über vier Stimmen hinausgeht, bildet sich schon recht hübsch und wirkt auch schon auf das Theater zu. Kurz vor meiner Abreise ist es durch eine junge weibliche Stimme, die man fast einen Alt nennen könnte, sehr ausgeschmückt worden. Dürfte ich Sie gelegentlich um das Schil lersche Punschlied bitten. Es ist davon leider bey mir nur eine Stimme übrig; die andern sind verschleppt. Werner der Sohn des Thals ist seit Zwölf Tagen hier bey uns in Jena. Seine Persönlichkeit interessirt uns und gefällt uns. Er liest von sei nen gedruckten und ungedruckten Arbeiten vor und so kommen wir über die seltsamen Außen seiten dieser Erscheinungen in den Kern hinein, der wohlschmeckend und kräftig ist. So viel mein liebster für dießmal. Ich packe ein, um wieder nach Weimar zu gehen. Hier ist es mir ganz gut geworden, und was Sie wohl nicht rathen würden, ich bin ins Sonnettenmachen hineingekommen. Davon schicke ich Ihnen gelegent lich ein Duzzend mit der einzigen Bedingung, daß sie Niemand sieht und daß keine Abschrift genommen wird. Möchten Sie aber eins davon componiren, so würde es mich recht glücklich machen. Ich mag gar zu gern meine Productionen auf Ihrem Elemente schwimmen sehen. Sagen Sie mir hbald wieder etwas, wenn es auch nicht viel ist. Ein Freundeswort ist in diesen trüben und kurzen Tagen doppelt erfreulich. Geheimerath Wolf hat uns mit einem trefflichen Hefte über das Studium des Alterthums beschenkt, das einen großen Reichthum enthält u an alles erinnert was wir wissen u uns freundlich andeutet, was wir weiter noch wissen und wir das alles behandlen sollen. Ein nochmaliges Lebewohl Jena den 16 Dezember 1807. G

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